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20/01/2021
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Der erste Wortkrieg

Der Observer, Israel und die Sprache des Krieges


AUTOR:  Ibrahim HEWITT

Übersetzt von  Susanne Schuster


Der Verfasser eines Leitartikels im britischen Observer (Israel can accelerate peace by exercising restraint [Israel kommt schneller zum Frieden, wenn es sich in Zurückhaltung übt], 21. Februar 2010) verdient gehörigen Tadel wegen der in seiner Kolumne verwendeten Sprache. Indem er versucht, die Situation in Israel/Palästina zu analysieren, verfällt er in die Art von Terminologie, die aufzeigt, wie schwierig es ist, dieses Thema auf eine unparteiische Weise zu diskutieren. Die Wahl einer bestimmten Terminologie ist nicht bloß eine Frage der Wortbedeutung, sondern sie enthüllt auch oft eine zugrundeliegende Einstellung. Nirgendwo ist das alte Sprichwort „Des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer“ zutreffender als in Diskussionen über den Konflikt im Heiligen Land.

Der Observer behauptet, dass „Israel und die Palästinenser sich in einem Zustand des permanenten Krieges befinden“, demnach ist es wohl unangemessen und fehlerhaft, wenn sich der Autor im selben Artikel anschließend auf palästinensische „Terroristen“ bezieht. Kriege haben Kämpfer auf gegnerischen Seiten, doch die von den USA gesteuerte Erzählversion nach den Anschlägen vom 11. September 2001 – mit dem „Kampf gegen den Terrorismus“ – hat die Unterschiede so stark verwischt, dass es mittlerweile akzeptabel, ja obligatorisch ist, jeden, der gegen die Hegemonie des Westens kämpft, als Terrorist zu bezeichnen. Es ist erstaunlich, dass eine Zeitung wie der Observer dieser Täuschung auf den Leim gegangen ist. Es ist genauso erstaunlich, dass der Konflikt zwischen der israelischen Besatzungsmacht und den unter der israelischen Besatzung stehenden Palästinensern tatsächlich als „permanenter Krieg“ beschrieben wird, was impliziert, dass dies eine konventionelle Konfrontation zwischen zwei Seiten ist, die jeweils über eine in etwa gleichwertige Militärmacht verfügen, doch das stimmt einfach nicht. Israel ist eine Atommacht mit einer Armee, die mit der fortschrittlichsten Militärtechnik ausgerüstet ist, die man sich vorstellen kann. Palästina besteht hauptsächlich aus einer Zivilbevölkerung und auch einem zukünftigen palästinensischen Staat wird, wenn es nach Israel geht (was zweifellos der Fall sein wird), eine eigene Armee, die mehr ist als leicht bewaffnete „Sicherheits“kräfte, deren Aufgabe es ist und bleiben wird, gemäß dem Oslo-Abkommen in erster Linie für die Sicherheit Israels zu sorgen, verboten werden.

Der Widerstand gegen eine militärische Besatzung ist natürlich vollkommen legitim, trotzdem bezeichnet der Observer einen solchen Widerstand als „Terrorismus“ und übernimmt damit komplett die Sharon-Doktrin. Denn es war Ariel Sharon, der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 opportunistisch erklärte: „Nun weiß das amerikanische Volk, was wir [in Israel] durchmachen.“ Wenn man etwas nur laut genug und oft genug sagt, glauben es die Leute allmählich und die meisten Bereiche in den Medien spielen ihre Rolle perfekt.

“Der sicherste Weg zu schnellerem Frieden für Israel ist, sich von dem selbstzerstörerischen Teufelskreis der extremen Gewaltanwendung als die bevorzugte Form der Selbstverteidigung zu lösen“, behauptet der Observer. Da liegt der Hund begraben: Israel besetzt ein Land und wenn die Menschen dort sich gegen die Besatzung wehren, dann wendet Israel „Selbstverteidigung“ an. Genauso verhält es sich mit der Rechtfertigung für die Apartheid-Mauer, die palästinensisches Land kreuz und quer zerschneidet, die Checkpoints, die Ausgangssperren, die Pässe, die Blockade, die Hauszerstörungen, die Enteignungen, die Ermordungen: alle sind ein Teil von Israels „Selbstverteidigung“. Die Erbsünde der Besatzung wird übersehen oder vergessen, sie ist zur „vollendeten Tatsache“ geworden, eine dieser widerlichen Phrasen, die, wie „Kollateralschaden“, internationales Recht und grundlegende Gerechtigkeit zum Spott machen.

Auch wenn Israel sich „von dem selbstzerstörerischen Teufelskreis der extremen Gewaltanwendung … lösen“ würde, wie der Observer behauptet, warum würde dies „Israels Nachbarn dazu verpflichten, die Beziehungen zu normalisieren“? Warum würde ein Staat mit Selbstachtung die Beziehungen mit einer „Besatzungsmacht in einem besetzten Gebiet“ normalisieren wollen? Der Staat Israel könnte aber durchaus „die Hebel in Bewegung setzen, um eine Änderung der Tatsachen zu erwirken, was eine Lösung des Konflikts sofort näher bringen würde“. Dies könnte die Besatzung beenden und den Grund für den Widerstand beseitigen, und „Israels Nachbarn dazu verpflichten, die Beziehungen zu normalisieren“, mit einem gewissen Grad moralischer und rechtlicher Überlegenheit, der momentan überhaupt nicht existiert. Das ist das Mindeste, sonst bleibt alles, was danach geschieht, völlig ohne Bedeutung.

Der letzte Satz des Leitartikels im Observer enthüllt eine – seien wir mal großzügig und sagen unbewusste – Denkweise des Verfassers, die die Palästinenser und ihre Rechte als das Problem betrachtet, nicht die israelische Besatzung. „Die internationale Gemeinschaft muss handeln, um [Israel] das Vertrauen zu geben, einen Kompromiss zu schließen.“ Wie stark muss man Vorstellungskraft und Logik dehnen, um die Beendigung einer illegalen militärischen Besatzung und Kolonialisierung des besetzten Landes als „Kompromiss“ zu sehen? Die internationale Gemeinschaft sollte darauf bestehen – unterstützt von Sanktionen und Boykotten, wenn nötig –, dass Israel seine Verpflichtungen unter internationalen Gesetzen und Konventionen erfüllt; solche Verpflichtungen können und dürfen nicht auf dem Verhandlungstisch als Gegenstand von Diskussionen und „Kompromissen“ landen.

Sprache ist von wesentlicher Bedeutung, wenn solche sensiblen Fragen diskutiert werden, deshalb ist Genauigkeit wichtig. Israel gibt viel Geld für seine Hasbara-Kampagne (Propaganda) aus und ungeachtet aller guten Absichten fällt eben dieser Leitartikel durch die gewählte Terminologie in die Hasbara-Kategorie. Dies ist bei einer so renommierten Zeitung wie der Observer unverzeihlich.



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Der Erste Wortkrieg ist eine Initiative von Palestine Think Tank und Tlaxcala.

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Quelle:  The Observer, Israel and the language of war

Originalartikel veröffentlicht am 21.2.2010

Über den Autor

Susanne Schuster ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10102&lg=de

 


DIE TLAXCALA KARTEI: 04/03/2010

 
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