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15/01/2021
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Frühlingsball oder neuer Frühling für Radio Afrika International (Wien)


AUTOR:  Vladislav MARJANOVIĆ


Schaut, uns gibt‘s!

Seit vier Jahren feiert Radio Afrika International seinen Geburtstag in echter Wiener Tradition: mit einem Ball. Somit wurde die traditionelle Ballsaison in der Hauptstadt Österreichs mit einem zusätzlichen „Society Event“ bereichert und dabei auch ein Zeichen für eine Angelegenheit gegeben, die den österreichischen Behörden besonders am Herzen liegt: die Integration. Im feierlichen Ambiente der repräsentativen Räume großer Paläste oder renommierten Hotels und in Anwesenheit eines politischen Ehrengastes – sei es auch nicht vom höchsten Niveau – verläuft der Frühlingsball ähnlich wie der berühmt berüchtigte Wiener Opernball mit viel Pomp, Tanz, Musik, Animation, Modeschau und eleganten afrikanischen Kleidern. Es ist übrigens eine gute Gelegenheit, die Öffentlichkeit auch auf diese Weise daran zu erinnern, dass Radio Afrika International (und mit ihr die African Community) existiert und dass die Integration zumindest bei den Festen dennoch funktioniert. Auch die Hoffnung, dass das Radio im nächsten Jahr endlich eine ausreichende und nachhaltige finanzielle Unterstützung bekommen wird, um sich endlich in ein professionelles Medium umwandeln zu können, wird verstärkt. Man darf doch ein bisschen träumen, zumindest für eine Nacht.

Der Zauber ist leider schon am nächsten Tag vorbei. Wieder einmal wird man feststellen müssen, dass aufwändige, pompöse und teuere jährliche Festlichkeiten nie zur seriösen Unterstützung des Radios noch zur Erhöhung seiner Popularität beigetragen haben. Die Leitung von Radio Afrika International ist sich dessen völlig bewusst. Sie beharrt aber trotzdem darauf, mit dem Frühlingsball die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu lenken, weil die Öffentlichkeit die Shows mag und die öffentliche Hand williger zu sein scheint, für gelegentliche „Events“ eine größere Summe einmalig auszugeben, als in den professionellen Aufbau eines auf Afrika spezialisierten Radios entsprechend und nachhaltig zu investieren. Das muss man aber verstehen. Wir leben sowieso in einer Zeit, in der Spektakel mehr Wert haben als seriöse informative Tätigkeit eines Mediums. The show must go on. Medien nicht, vor allem nicht solche, die von „unten“ ins Leben gerufen wurden. Sie kosten zu viel und könnten in Versuchung kommen, sozialkritisch zu agieren. Das ist natürlich keine erfreuliche Entwicklung, aber man wird ihnen deshalb nicht mit den Mitteln der totalitären Systeme von anno dazumal begegnen. Statt sie zu verbieten und zu verfolgen, reicht es vollkommen aus, sie am Rande der Existenz zu halten. Die Öffentlichkeit ist sowieso durch eine Überflut von Informationen aus den großen Medien betäubt und nur wenige machen sich die Mühe, kleinere Medien zu berücksichtigen. Ihre Reichweite ist übrigens gering und nach der Abschaffung der Mittelwelle im Januar 2009 noch kleiner geworden. Sendungen auf UKW kann man mit klassischen Mitteln nur innerhalb einer Region empfangen. Anders ist es natürlich, wenn man sie via Internet empfängt. Aber wer hat solche Radios in der Reichweite? Fazit:  kleinere Medien müssen sich mit dieser Situation abfinden. Wenn sie es können, dann werden sie vegetieren, wenn nicht, dann können sie schließen. Niemand wird sich deshalb aufregen. Die Öffentlichkeit am wenigsten.    



4. Afrika Frühlingsball 2010:
Sandra Frauenberger, Stadträtin (SPÖ) für Integration, Frauenfragen, Konsumentinnenschutz und Personal, hält ihre Rede bei der Verleihung der Preise an „Menschen aus der African Community für besondere Leistungen“. Foto Paul van Duke


                       Einer der Preisträger: Dr. Kwame Opoku (Unido). Foto Paul van Duke
               

Es ist nicht einfach für Radio Afrika International, in einer solchen Situation zu überleben. Da die Subventionen der öffentlichen Hand nicht ausreichen, versucht seine Leitung das liebe Geld mit Tätigkeiten, die nicht unbedingt journalistisch sind, zu beschaffen: mit der Produktion von Sendungen, Alexis Nshimyimana-Neuberg die man zum Verkauf anbieten will oder die auf Bestellung von Ämtern oder Institutionen gemacht werden, aber auch mit dem Veranstalten und Mitveranstalten von Feierlichkeiten, mit der Verleihung von technischer Ausrüstung an andere Veranstalter oder Musikgruppen, mit dem Verkauf von afrikanischen Produkten (auch von Nahrungsmitteln, Getränken und Textilien) auf eigenen Ständen bei verschiedenen Festen. „Ich muss mich prostituieren“, klagte der Leiter von Radio Afrika International Alexis Nshimyimana-Neuberg an einem Septembertag 2009 dem Verfasser dieses Textes. Wie traurig, solche Worte aus dem Mund jenes Mannes zu hören, der vor 13 Jahren Radio Afrika International gegründet hat, das täglich mehrsprachig eineinhalb Stunden sendet, der außerdem auch ein Afrika-Programm im Fernsehen („Okto“) sowie eine periodische Zeitung („Tribüne Afrikas“) herausgibt und der sich unter anderem auch dafür einsetzt, ein anderes, positives Bild von Afrika in Österreich zu fördern!

Wo bleiben afrikanische Mäzene?

Nun, wer wird Radio Afrika International zu Hilfe eilen, um es vor einem solchen Schicksal zu retten? Die öffentliche Hand offensichtlich nicht. Sie hat dafür sowieso zu wenig Mittel und auch zu wenig Willen. Afrikanische Staaten? Das wäre, theoretisch gesehen, eine Chance für sie, Kontakte mit der Öffentlichkeit in Europa zu verstärken. Dies umso mehr, weil afrikanische diplomatische Vertretungen zu arm sind, eigene Kulturinstitute im Ausland zu fördern und für die Afrikanische Union die Eröffnung von panafrikanischen Kulturzentren offensichtlich nicht im Vordergrund ihrer Aktivitäten steht. Radio Afrika International hat trotzdem versucht, die in Wien akkreditierten afrikanischen Diplomaten anzuregen, seine Tätigkeit zu unterstützen. Am 14. Oktober 2005 wurde in der Diplomatischen Akademie in Wien ein Gespräch mit den in Österreich vertretenen afrikanischen Diplomaten darüber geführt. Alle Anwesenden unterstützten herzlich die Initiative von Radio Afrika International und… es blieb dabei.

Allem Anschein nach haben staatliche Institutionen und parteipolitische Stiftungen kein echtes Interesse, die Entwicklung von Radio Afrika International zu fördern. Wäre es mit den Geschäftsleuten, vor allem mit vermögenden Afrikanerinnen und Afrikanern besser gewesen? Es wäre für sie eine Chance, sich durch die Unterstützung einer gemeinnützigen Initiative, die eine Art Stimme Afrikas in Europa darstellt, einen Namen zu machen und zwar nicht nur als Geschäftsleute, sondern auch als Mäzene. Als solche könnten sie sogar in die Geschichte eingehen. Doch bisher hat sich keiner von ihnen zu Wort gemeldet. Hat Radio Afrika International sie aber überhaupt angesprochen?

Die Gefahr vom geistigen Selbstmord

Man sagt: ein Haus baut man vom Grund und nicht vom Dach aus. Radio Afrika International hat diesen Spruch leider nicht befolgt. Statt das notwendige Startkapital für den Aufbau des Radios zu sichern, hat man es zuerst gegründet und sich erst dann auf die Suche nach den Sponsoren begeben. Dies hatte entsprechende Folgen. Das Radio muss auch heute noch mit kleinen und unregelmäßig genehmigten Spenden auskommen.

Leider ist dieses Vorgehen für den Aufbau einer professionellen Medieneinrichtung, dessen Mitarbeiter die notwendige Erfahrung mit und Kenntnisse auf einem speziellen Gebiet haben sollen, alles andere als geeignet. Man hoffte vor allem auf die Bereitschaft von Studierenden, freiwillig für Radio Afrika International zu arbeiten. Freiwilliges Engagement ist aber nie von Dauer und die ständige Fluktuation von nicht bezahlten Journalisten und Redakteuren erzeugt für Radio Afrika International eine dauerhafte Konsequenz: es blieb deshalb meistens auf einem anfänglichen, dilettantischen Niveau.

Das ist umso mehr zu bedauern, weil Radio Afrika International die richtigen Voraussetzungen hätte. Es wirkte im deutschsprachigen Raum, wo Informationen über Afrika noch immer dürftiger als im englisch- oder französischsprachigen Raum sind; es ist mehrsprachig konzipiert und konnte sogar, was es auch sprachlich versuchte, einen Durchbruch in Richtung Ost- und Südosteuropa schaffen; seine Sendungen waren vielfältig und in der Präsentation innovativ.

Dennoch reichten diese Eigenschaften nicht aus, um die Aufmerksamkeit von potenziellen Sponsoren auf sich zu lenken. Mit der Beteiligung an verschiedenen offiziellen politischen Kampagnen konnte sich das Radio eventuell ein Almosen mehr sichern, schadete aber dadurch seiner medialen Glaubwürdigkeit. Statt unabhängig und sozialkritisch aufzutreten, wandelte es sich immer mehr in ein zusätzliches Sprachrohr von dominierenden politischen Konzeptionen in der Frage der Integration um. Sein einziges Feld der Sozialkritik bleibt auf polizeilichen Exzessen gegenüber den afrikanischen Einwanderern beschränkt und seine einzige soziale Forderung die Bekämpfung des Rassismus via „Political Correctness“, was auch auf die Vergangenheit ausgedehnt wird. Da sich die Leitung des Radios als De-Facto-Vertreterin der Interessen der mit schwarzer Hautfarbe gleichgesetzten African Community versteht, betrachtet sie nicht die kritische Information über den eigenen Kontinent, sondern die Verbreitung eines „positiven Bildes“ von Afrika als ihre Hauptaufgabe. Sie will unbedingt der Öffentlichkeit zeigen, dass es auch in Afrika Menschen (schwarzer Hautfarbe) gibt, die erfolgreich sind und zögert dabei auch nicht davor, Huldigungsveranstaltungen für afrikanische Politiker (Mandelas Geburtstag) oder Staatsoberhäupter afrikanischer Herkunft (Feier der Investitur von US-Präsidenten Obama im American House in Wien, das der US-Botschaft gehört) zu organisieren. Hingegen wird jede Hervorhebung der bitteren Lage in Afrika als „negatives Bild“ verpönt. Auf diese Weise bahnt sich die Leitung von Radio Afrika International den Weg zum Propagandajournalismus der totalitären Systeme von anno dazumal, dem das oberste Kriterium die Hautfarbe war und bereitet seinen eigenen geistigen Selbstmord vor.

Zu einem neuen Frühling

Gibt es Chancen, sich diesem Schicksal zu entziehen? Würde es die Leitung wagen, sich auf die Prinzipien der journalistischen Ethik zurückzubesinnen, dann wäre dies vielleicht doch noch möglich. Das verlangt aber eine radikale Kehrtwende in der Konzeption des Radios, das sich zwischen Showbusiness und Journalismus entscheiden soll. Es ist noch immer besser, Radio Afrika International in eine gute „Event Management“-Firma umzuwandeln und die journalistische Tätigkeit aufzugeben, als eine solche Aktivität unter dem Deckmantel eines nicht professionellen Journalismus weiter zu führen. Ebenfalls braucht man nicht, um das Radio am Leben zu erhalten, als Veranstalter aufzutreten und sich für ein wenig Geld zu „prostituieren“, auch wenn es sich um große konjunkturelle und offizielle, zeitlich aber begrenzte kulturpolitische Kampagnen wie „Ke nako handelt“ (anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika). Sich einer Konjunktur anzupassen, die nicht imstande ist, das schöpferische Potenzial einer medialen Einrichtung richtig einzuschätzen, um seine Entwicklung effizient zu fördern, kann seinem Ansehen nur schaden.

Bestimmt bringt die Abwendung von dieser Ausrichtung gewisse Risiken mit sich. Das soll aber nicht das Ende seines Einsatzes bedeuten. Hingegen könnte es ein neuer Anfang in kleinerem Umfang, aber auf einer gesünderen finanziellen Basis sein, der nicht auf einer ideologischen Werbung für Afrika, sondern vor allem auf schonungslosen Hintergrundanalysen sowie auf einem ausdrücklichen Engagement für die Humanisierung der sozialen Verhältnisse beruht. Dies umso mehr, weil das, was in Afrika wegen des Wütens des neoliberalen Systems passiert, alle Völker der Welt, auch jene in den reichen Staaten, zu erfassen droht. Radio Afrika International wird vielleicht deshalb die bisherige wohlwollende Haltung bestimmter politischen Faktoren einbüßen, dafür aber umso mehr das Vertrauen von jenen Hörerinnen und Hörern gewinnen, die in ihm ein ehrliches und glaubwürdiges, kompromissloses alternatives Medium erkennen werden. Ist es nicht das, was wirklich zählt?

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Quelle: der Autor

Originalartikel veröffentlicht am 17.4.2010

Über den Autor

Vladislav Marjanoviæ ist ein mit Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt, assoziierter Autor. Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.

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RAUCHENDE GEHIRNE: 17/04/2010

 
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