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Was ist von 1968 noch übrig?

Und der Weihnachtsmann tritt an Lenins Stelle...


AUTOR:  Fausto Giudice, 8. Januar 2007

Übersetzt von  Übersetzt von Eva-Luise Hirschmugl



Fast vierzig Jahre sind vergangen zwischen diesen beiden Bildern. 40 Jahre, in denen die deutsche Sozialdemokratie immer komfortliebender geworden ist, indem sie sich auf eine Arbeiterklasse stützt, die zur Aristokratie der europäischen Angestellten gehört und wahrscheinlich zur weltweit bestbezahlten.

Das erste Bild ist die Glückwunschkarte der Jugendbewegung der Metallergewerkschaft, IG Metall, die Gewerkschaft der stärksten und reichsten Branche des zentralen Gewerkschaftsdachverbandes DGB. Ihr Programm beschränkt sich also auf „für Geschenke kämpfen“. Da können die Arbeitgeber aber gewarnt sein...Um die Perversion dieser Karte zu verstehen – die humoristisch gemeint ist – muss man das zweite Bild ansehen, um zu bemerken wen und was der Weihnachtsmann da ersetzt.

Das zweite Bild ist das legendäre Plakat der SDS von 1968. Die SDS, anfangs die Studentenorganisation der SPD, der sozialdemokratischen Partei, hat sich nach und nach vom Mutterhaus gelöst und wurde linksradikal und bildete somit die Sturmspitze der APO (Ausserparlamentarische Opposition). Sie führte kraftvolle Kampagnen gegen die Springerpresse, gegen den Vietnamkrieg, gegen das Regime des iranischen Schah, gegen die Elite der Bourgeoisie und weigerte sich, die ihnen vorbestimmte Zukunft zu akzeptieren, die Zukunft der „Fachidioten“. Ihr Anführer, Rudi Dutschke, wurde am 11. April 1968 in Berlin angeschossen, von einem Bäckerlehrling, ein Opfer der Gehirnwäsche der Springerpresse. Dutschke starb viele Jahre später im dänischen Exil an den Folgen seiner Verletzungen und sein Angreifer, mit dem er briefliche Korrespondenz betrieb, beging schliesslich im Gefängnis Selbstmord. Die SDS hatte ein Plakat der Bundesbahn übernommen und auf rotem Grund verkündet: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Die SDS hatte das Plakat abgeändert und den Bahnwagon, der das Plakat der DB schmückte, durch die Profilansichten Marx, Engels und Lenins ersetzt. Das Plakat war doppelsinnig: „Wir sprechen über etwas anderes als das Wetter und wir sprechen nicht nur davon: wir machen es (die Revolution)“.

40 Jahre später sind die Babyboomer von 68, die überlebt haben, fast schon Rentner, nach einer erfolgreichen Karriere als Professoren, Anwälte, Ärzte, Abgeordnete oder Minister. Sie sprechen nicht mehr übers Wetter, sie machen es. Sie sind endlich an der Macht, haben eine Wirtschaftsrevolution geschaffen, auf Kosten einiger Personen (auf Kosten von denjenigen von ihnen, die ihre Ideen wirklich bis zum Ende verfolgen wollten und dafür mit ihrem Leben bezahlten) und auf Kosten grosser moralischer Verluste. Ihr emblematischster Vertreter ist ohne Zweifel der groteske Joschka Fischer. Sie lieferten die Beweise für das Gedicht von Pierpaolo Pasolini, das er 1968 in Italien veröffentlichte, welches einen grossen Skandal auslöste. Er schrieb, dass er hinter ihren Revoluzzerbärten die Gesichter der Väter der linksradikalen Studenten erkenne und dass die einzigen Proletarier in dieser Affäre (den Strassenschlachten zwischen Studenten und Polizei) die Polizisten seien.

Was die jungen Leute der IG Metall betrifft, für die Marx und Engels nur bärtige Dinosaurier sind, so täten sie besser daran die Schriften dieser beiden Männer zu lesen; das würde es ihnen vielleicht erlauben ihre Entfremdung zu verstehen.



Übersetzt aus dem Französischen von Eva-Luise Hirschmugl, einem Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch : sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.
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DIE TLAXCALTEKISCHEN CHRONIKEN: 16/01/2007

 
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