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29/10/2020
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Hungerflüchtlinge


AUTOR:  Jean ZIEGLER

Übersetzt von  Isolda Bohler, überprüft von Fausto Giudice


Es war eine schwarze, mondlose Nacht. Der mehr als hundert km/h blasende Wind stöberte über zehn m. hohe Wellen auf, die sich mit einem höllischen Krachen gegen das zerbrechliche Holzboot brachen, das vor ungefähr zehn Tagen aus einer Bucht der Küste Mauretaniens mit 101 afrikanischen Hungerflüchtlingen an Bord auslief. Dank eines unerwarteten Wunders warf der Sturm das Boot gegen ein Riff am Strand von El Medano, Teneriffa, Kanarische Inseln. Auf dem Schiffsboden fanden die spanischen Guardias Civiles die Leichen von drei Jugendlichen und einer Frau, die vor Hunger und Durst gestorben waren.

Einige km weiter strandete in der selben Nacht am Ufer von Hierro ein anderes klappriges Boot mit 60 Menschen an Bord, davon 17 Kindern und sieben Frauen, die schwankenden Gespenstern am Rande der Agonie glichen. 1

In den gleichen Tagen, nur diesmal im Mittelmeer, geschah eine andere Tragödie: 150 km südlich von Malta lokalisierte ein Beobachtungsflugzeug der Frontex ein Schlauchboot mit 53 Passagieren, die wahrscheinlich wegen eines Motorschadens auf dem bewegten Meer kenterten. An Bord des Schlauchbootes identifizierten die Kameras des Flugzeugs kleine Kinder und Frauen. Nach der Rückkehr zu ihrem Stützpunkt auf La Valetta informierte der Pilot die maltesischen Behörden, die sich aber unter dem Vorwand, die Schiffbrüchigen „seien in libyschen Gewässern“, weigerten, einzugreifen. Die Abgesandte der UNO-Flüchtlingsorganisation, Laura  Boldini, intervenierte und bat die Malteser ein Rettungsschiff los zu schicken. Nichts wurde unternommen. Europa bewegte sich nicht und jegliche Spur der Schiffbrüchigen verlor sich.

Einige Wochen zuvor ging ein Boot in Richtung auf die Kanarischen Inseln, auf dem ungefähr hundert afrikanischen Hungerflüchtlingen zusammengepfercht waren, gegenüber der Küste Senegals unter. Zwei Menschen überlebten.2

Tausende von Afrikanern, einschließlich Frauen und Kinder, campieren gegenüber den Barrieren der spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in der trockenen Zone des Rifs. Wegen der Vorschriften der Brüsseler Kommissare lehnt die marokkanische Polizei die Afrikaner in der Sahara ab3. Ohne Lebensmittel und Wasser sterben hunderte, vielleicht Tausende, in den Felsen und dem Sand der Wüste.4

Wie viele junge Afrikaner verlassen ihr Land, riskieren ihr Leben, um nach Europa zu gelangen? Es wird geschätzt, dass jedes Jahr ungefähr 2 Millionen Menschen versuchen, illegal auf das Territorium  der Europäischen Union zu kommen, dass 2.000 davon im Mittelmeer und in den Gewässern des Atlantik sterben. Ihr Ziel ist es, die Kanarischen Inseln von Mauretanien und dem Senegal, oder die Meerenge von Gibraltar von Marokko aus zu erreichen.

Laut der spanischen Regierung gelangten 2006 47.685 Immigranten an die Küste. Dieser Zahl sind 23.151 Immigranten hinzuzufügen, die von Libyen oder Tunesien aus in See stachen, um auf den italienischen Inseln oder auf Malta zu landen. Wiederum andere versuchen über die Türkei und Ägypten nach Griechenland zu kommen. Der Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften, Markku Niskala, erklärt: „Diese Krise wird komplett totgeschwiegen. Es hilft nicht nur niemand diesen in die Enge getriebenen Menschen, sondern  es gibt nicht einmal eine Organisation, die Statistiken über diese alltägliche Tragödie erarbeitet“. 5

Um Europa vor diesen Immigranten zu schützen, schuf die Europäische Union eine militärische, halb klandestine Organisation mit dem Namen „Frontex“. Diese Agentur verwaltet „die äußeren Grenzen Europas“.

Besagte Organisation verfügt über bewaffnete Schnellboote zur Intervention auf hoher See, Kampfhubschrauber, einer Flotte mit Beobachtungsflugzeugen, die mit hoch sensiblen Kameras und Nachtsichtgeräten, Radar, Satelliten und auf lange Distanz ausgeklügelten elektronischen Observationsgeräten ausgerüstet sind.

Frontex unterhält außerdem auf afrikanischem Boden „Aufnahmelager“, in denen die aus Zentral-, Ost- oder dem südlichen Afrika, aus dem Tschad, der Demokratischen Republik Kongo, Burundi, Kamerun, Eritrea, Malawi, Zimbabwe... kommenden, die vor dem Hunger Geflüchteten, abgeschoben und aufbewahrt werden. Oft müssen sie ein oder zwei Jahre lang den Kontinent durchqueren, vegetieren, Grenzen überwindend, dahin, um sich nach und nach einer Küste zu nähern, wo sie dann von den Wächtern der Frontex abgefangen werden, oder von den örtlichen Hilfssheriffs, die ihnen den Weg zu den Häfen des Mittelmeers oder des Atlantiks verwehren. Angesichts der großen Geldsummen, die Frontex den afrikanischen Machthabern bar bezahlt, werden diese Lager von den Wenigsten zurückgewiesen, Algerien ausgenommen. Der Präsident Abdelaziz Bouteflika sagte: „Wir weisen diese Lager zurück. Wir werden nicht die Schließer unserer Brüder sein“.


Die Grenzen...töten !

Den Hunger hervorrufen und dann die davor Flüchtenden kriminalisieren

Die Flucht der Afrikaner über das Meer wird zum Großteil durch bestimmte Bedingungen verursacht: Die schnelle Zerstörung der Fischereigemeinschaften an der Atlantik- und Mittelmeerküste des Kontinents.

Einige Daten:

35 Millionen Menschen leben auf der Welt direkt und ausschließlich vom Fischfang, davon 9 Millionen in Afrika6. Fisch versorgt 23,1 % in Asien mit tierischen Proteinen und 19 % in Afrika; 66 % des Fischverzehrs insgesamt stammt von der Hochseefischerei, 77 % aus Binnengewässern; die Fischzucht stellt 27 % der Weltproduktion dar. Die Verwaltung der Fischvorkommen ist sowohl innerhalb, als auch außerhalb der nationalen Wirtschaftszonen wichtig und hat für die Beschäftigung und die Ernährung der betreffenden Bevölkerung vitale Bedeutung.

Die Mehrheit der afrikanischen Staaten südlich der Sahara sind extrem verschuldet. Sie verkaufen ihre Fischereirechte an Industrieunternehmen aus Japan, Europa und Kanada, deren Schiffsfabriken den Fischreichtum der davon lebenden Fischervölker zerstören, einschließlich in deren Territorialgewässern. Da sie die (im Prinzip verbotenen) dünnmaschigen Netze benutzen, arbeiten sie oft außerhalb der autorisierten Fangzeiten. Die Mehrheit der diese Konzessionen unterzeichneten afrikanischen Regierungen besitzt keine Kriegsflotte. Sie haben keine Mittel, die Einhaltung der Übereinkünfte einzufordern. Die Piraterie regiert. Die Küstenvölker sterben.

Die Fabrikschiffe sortieren den Fang aux, verarbeiten ihn zu Tiefkühlkost, Fischmehl oder für Konserven und schicken ihn auf die Märkte, z.B. nach Guinea Bissau, dessen Wirtschaftszone ein großes Fischvorkommen beheimatet. Heutzutage reduziert sich das Überleben des traditionellen Fischervolkes von Bissau auf den Einkauf von dänischen, kanadischen oder portugiesischen Fischkonserven zu überteuerten Preisen auf dem Markt von Bissau.

In Misere und Hoffnungslosigkeit versunken, gegenüber den Plünderern machtlos, verkaufen die ruinierten Fischer den Mafias der Grenzschieber ihre Boote zu einem niedrigen Preis oder sie satteln selbst zu Grenzschiebern um. Diese, für den Küstenfischfang in den Territorialgewässern gebauten Boote, sind im allgemeinen nicht geeignet, auf hoher See zu fahren.

Und außerdem... Etwas weniger als eine Milliarde Menschen leben in Afrika. Zwischen 1972 und 2002 stieg die Zahl der stark und permanent unterernährten Afrikaner von 81 auf 203 Millionen an. Es gibt viele Gründe dafür. Der Hauptgrund ist die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union (PAC).

Die Industriestaaten der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) zahlten ihren Bauern und Viehzüchtern 2006 für ihre Produktion und den Export mehr als 350 Milliarden Dollar Subventionen. Besonders die Europäische Union praktiziert mit einem unverschämten Zynismus ein landwirtschaftliches Dumping. Ergebnis: Die systematische Zerstörung  der afrikanischen Subsistenzwirtschaft .

Als Beispiel dient der größte, übliche Konsumgütermarkt Westafrikas, Sandaga. Dieser Markt ist ein lärmendes, buntes, viele Gerüche verbreitendes, wunderbares Universum, das im Herzen Dakars liegt. Man kann dort gemäß der Jahreszeit portugiesisches, französisches, spanisches, italienisches, griechisches, etc., Gemüse und Obst zu einem Drittel oder zur Hälfte des Preises der gleichen heimatlichen Ware kaufen.

Einige km weiter davon entfernt arbeitet unter voller Sonne ein Wolof-Bauer (eine Ethnie, die im Senegal, in Gambia und Mauretanien lebt, AdÜ) mit seinen Kindern und seiner Frau bis zu fünfzehn Stunden täglich... und sie haben nicht die geringste Chance, dafür ein Minimum für ein würdiges Leben zu erreichen.

Von den 52 afrikanischen Ländern leben 37 fast ausschließlich von der Landwirtschaft.

Wenige Menschen auf der Erde arbeiten so viel und unter so harten Bedingungen wie die Wolofbauern aus dem Senegal, die Bambara von Mali, die Mossi aus Burkina oder die Bashi von Kivu. Die europäische Politik des landwirtschaftlichen Dumpings zerstört ihr Leben und das ihrer Kinder.

Kehren wir zu Frontex zurück. Die Scheinheiligkeit der Brüsseler Kommissare ist abscheulich: Einerseits sind sie für den Hunger in Afrika verantwortlich und andererseits kriminalisieren sie die Hungerflüchtlinge.

Aminata Traoré bringt die Situation perfekt auf den Punkt: „Die ökonomischen-, technologischen- und Humanmittel, die vom Europa der 26 gegen die Migrationsströme eingesetzt werden, sind in Wirklichkeit ein reiner und harter Krieg, den diese Weltmacht gegen die jungen, hilflosen Afrikaner aus Stadt und Land führen, nachdem sie sich über ihr Recht auf Bildung, wirtschaftliche Unterrichtung, auf Arbeit und auf Ernährung in ihrem eigenen Land durch die Strukturausgleichsprogramme lustig gemacht haben. Als Opfer von makroökonomischen Entscheidungen und Optionen, an denen sie überhaupt keine Schuld tragen, werden die Afrikaner ausgewiesen, verfolgt und gedemütigt, wenn sie in der Emigration einen Ausweg suchen. Die Toten, Verletzten und Invaliden der blutigen Ereignisse von Ceuta und Melilla 2005, genauso wie die Tausenden von Leichen, die jeden Monat an die Strände von Mauretanien, den Kanaren, Lampedusa angeschwemmt werden, sind deshalb Opfer der aufgezwungenen und kriminalisierten Emigration“. 7

Noten

1 - (1) S. El País, Madrid, 13. Mai 2007 ; es war in der Nacht vom 11. zum 12. Mai.
2 - Le Courrier, Genf, 10. Dezember 2006.
3 -  Am 28. September 2005 wurden von spanischen Soldaten fünf junge Afrikaner getötet , die versuchten auf das elektrifizierte Gitter, das die Enklave von Ceuta umgibt, zu klettern. Acht Tage später wurden sechs andere schwarze Jugendliche unter ähnlichen Umständen niedergeschossen. 
4 - Human Rights Watch, 13. Oktober 2005.
5 - La Tribune de Genève, 14. Dezember 2006
6 - Diese Zahl schließt die in der Aquakultur eingesetzten Personen aus. Vgl. Organisation für die Ernährung und die Landwirtschaft (FAO),  La situation mondiale des pêches et de l’aquaculture, Rom, 2007.
7 - Aminata Traoré, Intervention im Weltsozialforum von Nairobi, 20. Januar 2007


- Mutti, wohin gehen wir, wenn wir sterben ?
- Es hängt von den Strömungen  ab, mein Sohn

Lesen Sie auch UN-Sonderstatus für Hungerflüchtlinge
Vor dem Hintergrund der jüngsten Tragödien mit Flüchtlingen aus Afrika fordert der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, einen Sonderstatus für Hungerflüchtlinge.


Quelle: Le Monde Diplomatique

Spanische Fassung : http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=4734&lg=es   

Originalartikel veröffentlicht im März 2008

Über den Autor

Isolda Bohler und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=4768&lg=de

Versão portuguesa : http://pt.mondediplo.com/spip.php?article165



MUTTER AFRIKA: 09/03/2008

 
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