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15/01/2021
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«Und plötzlich gibt es Lösungen, die der einzelne nicht selbst hätte finden können, aber die Gemeinschaft schon»

Der Weltlandwirtschaftsbericht – kein kolonialer Ansatz mehr - Interview mit Prof. Dr. Hans Hurni, Universität Bern


AUTOR:   Zeit-Fragen


zf. Im Oktober wurde in Bern an einer gemeinsamen Veranstaltung von Swissaid, Brot für Alle, Greenpeace und dem Schweizerischen Bauernverband der Weltlandwirtschaftsbericht (Weltagrarbericht) mit seiner herausragenden Bedeutung für die Lösung des Welternährungsproblems vorgestellt (vgl. Zeit-Fragen Nr. 44/2008*): ein grundlegender Wechsel in der Landwirtschaftspolitik, weg von der Agrar-Industrie, hin zu kleinbäuerlichen Strukturen. Sie müssen gezielt gefördert werden. «Zeit-Fragen» sprach am Rande der Veranstaltung mit einem der Hauptautoren des 2008 erschienenen Weltlandwirtschaftsberichts, Professor Dr. Hans Hurni von der Universität Bern, über seine Erfahrungen und einen sinnvollen Lösungsansatz zum Welternährungsproblem.

Zeit-Fragen: Herr Professor Hurni, was wäre für Sie die Lösung des Welternährungsproblems? Und welche Bedeutung messen Sie dem Weltagrarbericht bei?

Prof. Hans Hurni: Dieser Weltagrarbericht ist eigentlich eine «Revolution» gegenüber den sonst üblichen Agrarberichten, die es immer wieder gegeben hat. Zum ersten Mal wurde da ein solcher Bericht nicht durch sogenannte institutionelle Experten gemacht, sondern mit einer sehr breiten Partizipation von Leuten aus dem Norden und aus dem Süden, die Hälfte davon Frauen. Es war eine wirkliche Durchmischung von ganz unterschiedlichen Repräsentanten der Landwirtschaftsforschung und -entwicklung weltweit. Zum Beispiel waren die Agronomen gar nicht in der Mehrheit. Da gab es sehr viel mehr Förster, Geographinnen, Boden- und Wasserspezialisten oder Leute aus dem Fischzuchtbereich, und es waren da eben auch Bauernvertreter und Bauernvertreterinnen und viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mit dabei.

Das Neue bestand also darin, dass die Zusammensetzung dieser Gruppe völlig neuartig war. Und das Resultat war dann auch ganz anders als erwartet. Erwartet wurde, dass viel mehr Forschung in Schlüsselbereichen gefordert werden würde, inklusive Gentech und Modernisierung der Landwirtschaft. Statt dessen haben wir als Schlussfolgerung gesagt, die Kleinbauern sind wichtig, und es gibt die Möglichkeit, die Produktivität, aber auch die anderen Funktionen der Kleinbauernlandwirtschaft enorm zu steigern. Und zwar ist es ja so, dass bei sehr vielen Kleinbauern eigentlich die Gesamtproduktion auf ihrem Land noch relativ tief ist. Die brauchen aber heute keinen Dünger, keine Spritzmittel, nur Arbeitskraft.

Wir behaupten, dass man mit einer geeigneten Beratung und Unterstützung, aber auch durch Forschung, schon heute mit den bestehenden, meist gut angepassten Sorten höhere Erträge erzielen kann.

Auch die biologische Landwirtschaft braucht zwar Zucht, das ist ja längst bekannt, aber es braucht z.B. auch geeignete Kombinationen von Pflanzen, die miteinander wachsen können und sich nicht stören. Man kann diese Kenntnisse aber deutlich verbessern, wenn sich die Forschung auf das ausrichtet. Das braucht aber dann nicht einfach Spitzenforschung, die mit Veränderungen von Genmaterial arbeitet, sondern eine Forschung, die die Möglichkeiten, die existieren, durch geeignete Kombinationen optimiert und damit die Produktivität einer Hektare – d.h. der 100 auf 100 Meter grossen Fläche, die eine Kleinbauernfamilie heute vielleicht noch hat – relativ problemlos verdreifachen könnte, von einer auf drei Tonnen Körnerertrag. Die Erträge sind heute meist noch tief, und gerade in Hanglagen, wo noch Bodenzerstörung dazukommt, d.h. Bodenerosion oder chemische und biologische Bodendegradation, dort kann man mit den geeigneten Massnahmen zur nachhaltigen Bodennutzung, mit kleinen Terrassen, Hecken und hangparallelem Pflügen, viel verbessern. Mit möglichst geringem Aufwand kann man auch dort die Ressourcenbasis stabilisieren und so die Erträge darauf erhöhen.

Wir denken, dass schon allein damit die Gesamtweltproduktion eigentlich problemlos erhalten, wenn nicht sogar noch erhöht werden kann, wie es auch die Biolandwirtschaft geschafft hat, die Produktion zu erhöhen. Nicht indem mehr Bauern dasselbe machen, sondern indem auf den Betrieben geeignete Kombinationen von Produkten erzeugt werden.

  

Hans Hurni ist Professor für Geographie an der Universität Bern und einer der Hauptautoren des 2008 erschienenen Weltlandwirtschaftsberichts.

Er ist zudem Direktor des Nationalen Forschungsschwerpunkts Nord-Süd (NFS) des Schweizerischen Nationalfonds und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

Der NFS Nord-Süd betreibt ein schweizerisch-internationales Netzwerk zur Bewältigung des globalen Wandels, in dem fast 400 Forschende in 140 Ländern arbeiten.

Wenn die Kleinbauern zwei- bis dreimal grössere Erträge hätten, dann könnten sie quasi einen Teil für die Ernährung der Stadtbevölkerung verkaufen?

Genau. Es geht um solche Mehrproduktion, die diese Familien sonst nicht haben. Und das gäbe ihnen dann das Geld, das sie dringend benötigen, um in ihren Gemeinden Schulen zu bauen, die Wasserversorgung zu erstellen, einfach die eigene Infrastruktur zu verbessern. Sie können nicht immer auf den Staat warten, der Staat kommt in armen Ländern meist nicht zu den Kleinbauern. Also müssen sie das dort mit ihren Produkten selbst erwirtschaften und selbst investieren. Aber da muss natürlich auch die Politik mitmachen. In vielen Entwicklungsländern ist die Politik nicht so, dass Geld dann wieder dort reinvestiert wird, wo die Steuerzahler sitzen. Das wird zusammengezogen, zentralisiert und für andere Sachen verwendet, denen die Zahlungen nicht zugute kommen, meist nur den Städtern. Aber wenn man das dezentraler organisiert, profitiert auch die Landbevölkerung; diese Entwicklung ist im Gange, denn die Regierungen beginnen das einzusehen. Damit werden auch die Gemeinden auf dem Land autorisiert, die Steuern selbst zu verwalten und zu investieren.

Und wenn sie dann auch produktiver werden in ihren Landwirtschaftsbetrieben, dann können sie auch wieder reinvestieren in den Betrieb wie auch in die gemeinsame Sache auf Gemeindeebene.

Haben Sie ein Beispiel, wo Regierungen so kooperieren?

Ja, natürlich. Der Nationale Forschungsschwerpunkt Nord-Süd, den ich leite, führt weltweit Forschungspartnerschaften in insgesamt 37 Ländern durch, in welchen über 400 Forschende an solchen Themen arbeiten.

Direkte Feldforschung?

Auch direkte Feldforschung. Und vor allem sind 70% der Studierenden aus den Ländern, die mit uns zusammenarbeiten, das heisst, sie machen das für sich und kommen nicht in die Schweiz, um an unseren Problemen zu forschen. Wir nennen das Forschungszusammenarbeit in der Entwicklung. Wir haben seit 7 Jahren Geld vom Nationalfonds und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), um solche Forschung zu machen, und darum haben wir in der Schweiz ein Konsortium gegründet. Zum Beispiel arbeitet das Schweizerische Tropeninstitut für die internationale Gesundheit, mit Krankheitsbekämpfung von z.B. Malaria und Tuberkulose. Dann sind die Genfer vor allem an Fragen der Regierungsfähigkeit, also Gouvernanz interessiert, wie man bessere Politiken machen kann; wo gibt es Konflikte in den

Politiken? Dann haben wir mit Swisspeace die Zusammenarbeit im Friedens- und Konfliktforschungsbereich. Dann ist die Universität Zürich bei der Erforschung der Lebensgestaltung mit dabei, der Livelihood; wie gestalten Bäuerinnen und Bauern und andere Gruppen ihr Leben. Und schliesslich widmet sich die Universität Bern vor allem den Umwelt- und Entwicklungsproblemen, also der nachhaltigen Nutzung von Boden, Wasser und Vegetation, dem Naturschutz und der Regionalentwicklung, also auch der ländlichen Entwicklung.

Das ist insgesamt ein sehr gut funktionierendes Forschungs- und Ausbildungsprogramm; es läuft nun seit über sieben Jahren und ist auf zwölf Jahre ausgelegt. Da sind ganz viele Drittweltleute, die Mehrheit der Forschenden, dabei. Und wir bilden sie bei ihnen aus, nicht bei uns. Das ist eine ganz neue Art der internationalen Forschungszusammenarbeit, und ich könnte Ihnen Hunderte von Beispielen erzählen, wie das so läuft.

In welchen Ländern hat die Regierung dieses starke Bewusstsein, dass sie ganz eng mit Ihnen zusammenarbeitet?

Es ist erstaunlich; eigentlich in allen. Diese Regierungen haben sehr positiv auf unsere Initiative reagiert. Sie haben gesagt, das ist nicht kolonial, da haben wir wirklich einen Austausch auf Forschungsebene. Von euch nehmen wir das Moderne, was ihr bieten könnt, also Computersachen, wie man mit Computern gut arbeiten kann, und von uns kriegt ihr Wissen, vor allem auch lokales Wissen, und unsere Wissenschafter können sich dann optimal ausbilden. Wir haben noch keine Wissenschafter aus dem Süden gehabt, die nach einem Besuch in der Schweiz geblieben wären; sie gehen alle zurück, weil sie sich auf ihr Land spezialisiert haben.

Und sie haben nachher einen Sinn, sie können mitwirken, sie haben ein Leben dort?

Absolut. Die meisten werden, wenn sie promoviert sind, gleich Universitätslehrer und unterrichten dann ihre eigenen Bachelors und Masters mit Beispielen aus dem eigenen Land. Das ist immer ein Vorteil. Dann lernt man von sich, für sich. Die Leute, die ausgebildet werden, können es für sich dann auch brauchen. Von dem her gesehen ist dieser Ansatz von uns einfach ein Einfliessenlassen von unseren Erfahrungen, die wir haben.

Natürlich kann man damit nicht die grossen internationalen Konflikte verhindern. Wenn sich Äthiopien und Eritrea bekriegen, dann sitzen wir abseits wie alle. Wie die meisten Äthiopier und Eritreer, die auch nicht einverstanden sind.

Aber wenn wir in Bolivien Konflikte zwischen Naturparks und der lokalen Bevölkerung angehen, damit diese Nationalparks nicht immer so ausschliessend sind und die Leute wegschicken, sondern wenn wir zeigen, dass die Bäuerinnen und Bauern die Kulturlandschaft pflegen und damit eigentlich zum Schutz von Biodiversität beitragen und diese nicht nur zerstören, dann kann das schon etwas helfen. Wenn man diesen Leuten die Schutzgebiete in ihre Obhut gibt und sie die Nationalparks selbst verwalten, dann entsteht ein neues Modell für Naturschutz, und das ist in Bolivien jetzt in Diskussion. Aber wenn z.B. politische Probleme entstehen zwischen der reichen, spanischstämmigen Bevölkerung und den Indios, dann sind wir genauso machtlos, dann können wir nicht intervenieren, auch nicht mit der Friedensforschung.

 
Terrassen-Reisfelder, Banaue, Luzon, Phlippinen, Fotos Loïc Marchat

Wie wurde der Weltagrarbericht von der internationalen Gemeinschaft aufgenommen?

Von der Regierungsseite wissen Sie ja, dass etwa 60 Staaten diesen Bericht unterzeichnet und gesagt haben, dass sie dahinterstehen. Ein paar Staaten haben nicht unterzeichnet, es sind aber wenige. Einige haben mit Vorbehalten zugestimmt, und das finde ich gut. Man kann nicht immer überall einverstanden sein, z.B. bei den gentechnisch veränderten Pflanzen, die diese Staaten nicht negativ beurteilt haben wollten. Wobei wir nicht «nein» gesagt haben; wir haben gesagt «Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht», nichts sonst. Man muss die Forschung dazu nicht verbieten, aber wenn man sie erlaubt, dann muss man das sehr sorgfältig begleiten, das war unsere Forderung. Und begleiten heisst nicht gleich Feldversuche machen, sondern zunächst nur im Labor, bis man sicher ist, dass es sich so verhält wie eine normale Züchtung. Aber diese Forderung war offenbar schon zu streng.

Können Sie Ihren Forschungsansatz der transdisziplinären Forschung in bezug auf den Weltagrarbericht genauer beschreiben?

Für uns beginnt Forschung damit, dass wir uns zunächst einmal in einer Region, einem Dorf mit den Leuten treffen, mit verschiedenen Wissenschaftern und Vertreterinnen und Vertretern, vielleicht eine Woche lang, und gemeinsam über Probleme sprechen. Über die Möglichkeiten, wieso die Probleme entstanden sind, was die Ursache war, dass das so gekommen ist, und was für Möglichkeiten es gibt, um sie zu lösen. Wenn irgendwo Erosion ist, was könnte man tun? Wer verursacht diese Erosion? Ist es derjenige, der oben am Berg beweidet, oder ist es der, der unten Ackerbau betreibt? Und wir haben festgestellt, dass das Wissen der Leute sehr gut ist. Sie können genau sagen, dort kommt das Wasser her, die kennen sich aus. Und dann wird man sich einig, was man genauer anschauen will.

Später ist es dann meistens so, dass ein Wissenschafter oder eine Wissenschafterin allein oder mit anderen dem Projekt wissenschaftlich nachgeht und die Probleme ergründet und die Lösungen experimentell testet. Das kann zwei, drei Jahre dauern. Und dann geht man damit wieder zu den Leuten, lädt sie ein und erklärt, was man herausgefunden hat als Wissenschafter. Dann beginnt die Verhandlung. Und dann sagen sie: «Nein, das geht nicht» aus dem und dem Grund. Oder: «Das geht, das ist eine gute Idee.» Da sind wir manchmal erfolgreich, manchmal auch nicht. Und das leitet dann die nächste Phase der Forschung ein; das ist ein iterativer Prozess zwischen Forschung und Austausch.

Eigentlich Aktionsforschung, oder?

Ja, aber die Aktionsforschung war ausschliess-lich auf die Meinung der Bauern und Bäuerinnen ausgerichtet, während wir jetzt auch unsere Meinung von Anfang an einbringen, denn es braucht nicht alles richtig zu sein, was Bauern denken. Sie sind auch geprägt von ihrer Umwelt und haben eine Meinung, die gewachsen ist, aber vielleicht haben wir neue Erkenntnisse, oder es sind plötzlich andere Akteure da, die weitere Meinungen einbringen. Aber vielleicht denkt er, ah, gute Idee, macht mal. Dann beziehen wir auch diese Ansichten mit ein. Damit werden die Gruppen grösser, die Netzwerke, und plötzlich gibt es Lösungen, die der Einzelne nicht selbst hätte finden können, aber die Gemeinschaft schon.

Das ist ein faszinierender Ansatz. Das könnte man bei allen Problemen anwenden, wenn der politische Wille da wäre, zum Wohle aller. Das ist im Grunde genommen von unten nach oben.

Wir bezeichnen das als «transdisziplinär». Wichtig ist einfach, dass man den Forschenden auch etwas Ruhe geben muss, damit sie dem Thema nachgehen können. Ganz im stillen Kämmerlein, dem Labor oder im Versuch. Denn die besten Ideen sind erst einmal im Kopf, dann kann man sie kommunizieren. Alles kann man nicht partizipativ abwickeln.

Also keine schnellen Lösungen.

Ganz bestimmt nicht, denn langfristiges Denken ist ganz wichtig. Zum Beispiel habe ich in Äthiopien seit 35 Jahren mit Bodenterrassen gearbeitet. Alle fragen, was forschst du denn da? Dann sage ich immer, du hast keine Ahnung, wie schwierig es ist, einen Bauern davon zu überzeugen, dass er hundert Arbeitstage in seine Hektare Land zusätzlich zur Landwirtschaft investieren soll, ohne unmittelbaren Nutzen. Er hat diese Arbeitszeit gar nicht, und er hat nicht die Kraft dazu. Und unsere Forschung geht dann darum, wie man trotzdem mit den Bauern im Feld etwas machen kann, dass sie möglichst wenig auf einmal machen müssen und trotzdem eine grösstmögliche Wirkung haben. Und da haben wir Massnahmen entwickelt, mit den Bauern auf ihren Feldern realisiert und dann über 20 Jahre lang beobachtet. Die Experimente haben damit angefangen, dass der Bauer beim Pflügen alle fünf Meter einen meterbreiten Streifen nicht pflügt und das dann so belässt. Anstatt dass er Terrassen baut, hat er einfach mal den Streifen gelassen. Die Erosion hat dann dort, weil das abfliessende Wasser ein bisschen gestoppt wird, sedimentiert, und damit hat es immer höhere Wälle gegeben. Und nach 20 Jahren sind das fertige Terrassen, und der Bauer hat eigentlich nur schauen müssen, dass das Vieh das Gras nicht immer ganz abfrisst. Das gab schon genug zu tun. Und solche Dinge, die findet man nicht einfach heraus. Da muss man am Ball bleiben, immer weiterfahren.


Foto Agustín Berrocal

Wir haben jetzt das internationale Jahr der Kartoffel. Können Sie dazu etwas im Zusammenhang mit dem Weltagrarbericht sagen?

Die Kartoffel ist natürlich eine ausgezeichnete Pflanze, um ein Grundnahrungsmittel zu produzieren, das höhere Erträge hat als Getreide. In den meisten Ländern, die bisher Getreide hatten, und das war auch in Europa so, ist die Umstellung nicht schnell. Ein Getreideland wird sich über vielleicht vierzig, fünfzig Jahre auf die Kartoffel umstellen. Aber das passiert heute. Es werden immer mehr Kartoffeln, mit Getreide kombiniert, produziert und konsumiert. Auch in Afrika werden in den höheren Lagen immer mehr Kartoffeln angebaut. Das ergibt natürlich sofort bis zu 10 mal mehr Ertrag als beim Getreide. Kartoffeln sind zwar etwas niederwertiger, also muss man sehen, was man dann noch dazuproduziert, z. B. Gemüse und Hülsenfrüchte. Aber die Kartoffel ist eine wunderbare Feldfrucht, die man verwenden kann, auch in Notgebieten.      

   ef. Die Zahl der hungernden Menschen auf der Welt hat im Vergleich zum Vorjahr um 40 Millionen Menschen zugenommen. Im Dezember 2008 liegt die Zahl der hungernden Menschen bei traurigen 963 Millionen. Jedes Jahr sterben fast 11 Millionen Kinder, bevor sie das Alter von fünf Jahren erreichen. 25000 Menschen, davon 13000 Kinder, sterben täglich an den Folgen ihrer Unterernährung. Wegen der Finanzkrise und den gestiegenen Nahrungsmittelpreisen sind die Zahlen weiter steigend.
Das müsste nicht sein. Kein Mensch auf dieser Welt müsste hungern, wenn der politische Wille da wäre, mit dem Hungerproblem Schluss zu machen. Papst Benedikt XVI. betont, dass es weltweit heute genug Mittel und Ressourcen gibt, um die Welt zu ernähren.

* Lesen Sie

Der Weltlandwirtschaftsbericht
Eine Perspektive für die Ernährung aller Menschen

Weltagrarbericht – Wege aus der Hungerkrise
von Benedikt Haerlin

Radikale Umkehr ist nötig – und möglich!
Bauern-, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen fordern die Schweiz zum Handeln auf | Gemeinsame Presseerklärung von Swissaid, Brot für alle, Greenpeace und dem Schweizerischen Bauernverband

 
Kartoffelernte in Peru, Fotos von Eitan Abramovich, 1. Preis des internationalen Fotowettbewerbs des Internationalen Jahres der Kartoffel


Quelle:  Zeit-Fragen Nr.52 vom 22.12.2008

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RAUCHENDE GEHIRNE: 27/12/2008

 
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