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15/01/2021
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"Es gibt in jedem Dorf Verantwortliche, die etwas Lebenswichtiges verwalten. Dadurch entsteht Herzblut."-Gespräch mit Josef Metzger, dem Präsidenten der Wasserkorporation Wolfikon (St. Gallen, Schweiz)


AUTOR:   Zeit-Fragen


zf. Wenn heute darüber geklagt wird, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft immer mehr verlorengeht, zeigt das folgende Interview, wie durch dezentrale und demokratische Organisation der öffentlichen Aufgaben Bürgernähe und Verbundenheit unter den Menschen entstehen kann. Die Organisation der Wasserkorporativen ist Teil der schweizerischen direkten Demokratie mit Modellcharakter für andere Bereiche und andere Länder. Sie ist, wie das Beispiel zeigt, auch wirtschaftlich.

Zeit-Fragen: Herr Metzger, Sie sind Landwirt und seit 22 Jahren Präsident der Wasserkorporative Wolfikon. Können Sie uns erklären, wie die Wasserversorgung in Ihrer Gemeinde aufgebaut ist?

Josef Metzger: Die Gemeinde Kirchberg hat acht Wasserkorporationen. Die sind alle etwa gleich alt, zwischen 100 und 110 Jahren. Sie sind zur gleichen Zeit entstanden, vermutlich zusammen mit dem Feuerschutz, denn Wasserversorgung ist gleichzeitig auch Feuerschutz. So sind die ersten Reservoire entstanden und die ersten Druckleitungen mit Hydranten. Das ist auch bei uns so. Unsere Korporation Wolfikon ist um 1900 entstanden. Damals hatte jede Liegenschaft ihr eigenes Wasser. Sie sind natürlich auch dort gebaut worden, wo eine Quelle war.
Über den acht Korporationen steht die Gruppenwasserversorgung. Diese hat hauptsächlich die Funktion, das Löschwasser zu lagern und zur Verfügung zu stellen. Sonst hätte jede Korporation grosse Reservoire bauen müssen.
Von den acht Korporationen sind vier Selbstversorger, das heisst, sie haben eigenes Wasser. Dazu gehört auch unsere Gemeinde. Wir haben eigenes Wasser, aber keine Löschwasserreserven, und wir sind mit der Gruppenwasserversorgung zusammengeschlossen, damit wir, wenn bei uns etwas nicht klappt oder wir zuwenig Wasser haben, über das Netz der anderen Korporationen Wasser beziehen können.
Alle Korporationen sind über die Gruppenwasserversorgung in einer Betriebswarte zusammengefasst. Das ist ein computergesteuertes technisches Zentrum, das dafür sorgt, dass jeder Ort in der richtigen Menge genügend Wasser hat, und zwar Löschwasser, Trinkwasser und Brauchwasser für die Industrie. Das Brauchwasser kommt aus Quellen, die qualitativ für Trinkwasser nicht ausreichen. Die Gruppenwasserversorgung ist für uns eine Versicherung.
Wir führen unsere Korporation wie eine Gemeinde. Sie untersteht als öffentlich-rechtliche Körperschaft dem Gemeindegesetz: ­Finanzen, Wahlen und Buchhaltung werden kontrolliert. An der Wahlveranstaltung werden der Präsident gewählt und die Verwaltungsräte. Der Verwaltungsrat stellt extern einen Aktuar an und konstituiert unter sich einen Kassier, einen Wasserchef und alle notwendigen Funktionen.

Und wo finden die Entscheidungen statt?

Jede Korporation schickt Delegierte in die Gruppenwasserversorgung. Ausserdem hält jede dieser öffentlich-rechtlichen Korporationen mindestens einmal im Jahr eine Bürgerversammlung ab. Wenn kurzfristig etwas geplant werden muss, kann es auch einmal eine ausserordentliche Versammlung geben.

Wie finanzieren Sie sich?

Wir verfügen über ein Budget von ungefähr 40 000 Franken. Das ist natürlich nicht viel, und wir müssen eine Finanzplanung machen. Unser Leitungsnetz ist auf relativ hohem Niveau, aber es gibt auch noch 100jährige Leitungen und ständig Erneuerungsbedarf. Wir haben einen Wasserpreis, wir verkaufen das Wasser nach Kubaturen. Dann gibt es für den Feuerschutz noch 0,3 Promille vom Gebäudezeitwert. Eine weitere Einnahmequelle für die Korporative sind die Anschlussgebühren, wenn einer ein neues Haus baut. Für ein Einfamilienhaus bewegen sich diese um die 5000 Franken. Aus diesen Einnahmen finanzieren wir unsere Leitungen. Zu den Kosten für Hauptleitungen, Steuerungen und Reservoire leistet die Gebäudeversicherung noch einen Beitrag von 15%.
Ich bin vor 22 Jahren als Präsident in die Verwaltung gewählt worden. Damals hatten wir viele Schulden, die wir inzwischen abbauen konnten. Wir investieren heute nur noch das, was wir auch finanzieren können, vor allem was dringend ist. Da in den letzten Jahren bei uns viel gebaut wurde, hatten wir grössere Einnahmen durch die Anschlussgebühren, so dass wir einen grossen Teil der Leitungen erneuern konnten. Andere Korporativen mit weniger Bauland haben es mit der Finanzierung schwerer.

Wäre es nicht günstiger, die ganze Wasserversorgung zentral zusammenzulegen?

Die Verwaltung, die wir im kleinen machen, kostet im Jahr 2 500 Franken. Mein Präsidium ist 500 Franken wert, mit allen Sitzungen, Wegen, Autokosten inbegriffen. Das ist ein Gotteslohn. Unser Gemeindepräsident, der über allem steht, ist bestrebt, dass die Korporationen beibehalten werden. Man könnte sie auch zusammenfassen, ob es günstiger ist, sei dahingestellt, aber es gibt so eine Verbindung von öffentlichen Institutionen auch in die Dörfer hinaus. Es gibt in jedem Dorf Verantwortliche, die etwas Lebenswichtiges zu verwalten haben. Dadurch entsteht Herzblut, und darum will man das auch beibehalten. Der Einzelne denkt oft gar nicht daran, was alles dahintersteht, wenn er zu jeder Zeit über sauberes Wasser verfügt. Wenn aber die Wasserversorgung näher beim Bürger ist, hat er vielleicht mehr Interesse, dem Ganzen Sorge zu tragen.
Wir sind natürlich eine Gesellschaft, in der die Nähe zu den Infrastrukturen keinen grossen Bezug mehr hat, obwohl gerade diese Nähe notwendig ist, damit eine Gesellschaft überhaupt leben kann. Früher, bis in die 50er Jahre, hatten wir in der Korporation neben dem Wasser noch die Strassen, die Strassenbeleuchtung und zum Teil auch die Kanalisation und den Strom. Das hat man schon zusammengezogen, aber das Wasser ist noch geblieben. Vielleicht hängt das auch mit den trockenen Jahren, vor allem dem Jahr 1947, zusammen. Da hat man viel zu wenig Wasser gehabt, und alle mussten Fronarbeit leisten, damit man neue Wasserquellen erschliessen konnte. Das hat einen Zusammenhalt gegeben.
Ob die Wasserverwaltung dezentral bleibt, steht und fällt mit der Bestellung der Verwaltungsräte. Leider gibt es immer weniger Menschen, die bereit sind, öffentliche Ämter zu übernehmen. Auch in unserer Korporation muss man sorgfältig sondieren, dass man neue Verwaltungsräte findet, die sich engagieren.

Da wäre es aber wichtig, dass die Lehrer und Erzieher bereits bei den Kindern wieder ein Bewusstsein für das Gemeinwohl legen würden, damit sich die Menschen in der Gemeinde mitverantwortlich fühlen. Wäre das nicht ein Weg, den Kindern das Gefühl zu vermitteln: Ich bin mitverantwortlich, und wenn ich eine Aufgabe übernehme, ist das von Bedeutung?

Das ist natürlich ein allgemeines Problem, dass sich die Leute in der Öffentlichkeit nicht mehr engagieren wollen, ganz gleich wo, im Gemeinde- oder im Schulwesen. Wir haben eine Menge Infrastruktur, die irgend jemand betreuen muss, und ich bin der Meinung, je näher die Aufgaben bei der Bevölkerung sind, desto grösser ist das Interesse. Die Gesellschaft hat ein Konsumverhalten entwickelt. Man konsumiert auch Infrastruktur, Wasser, Strom, Kehrichtwesen, alles, und denkt gar nicht mehr darüber nach, wie das ganze funktioniert. Es ist zuwenig nah bei der Bevölkerung.
Es ist schon so, in der Schule muss das Bewusstsein gefördert werden, dass das Gemeinwesen nur funktioniert, wenn die Leute mitdenken, sich verantwortlich fühlen und bereit sind, sich dafür einzusetzen, egal ob es eine Freiwilligenarbeit ist oder bezahlte Arbeit, vielleicht zu einem günstigeren Lohn.

Heute gehen die Überlegungen ja dahin, die Infrastruktur zu privatisieren und nicht mehr von der Gemeinde zur Verfügung zu stellen.

Ich denke, jede Privatisierung von öffentlichen Aufgaben hat einen Haken. Investoren wollen für das Geld, das sie anlegen, eine Verzinsung, und diese Verzinsung kann man auf verschiedene Arten bewerkstelligen. Die Wasserversorgung zum Beispiel kann man aussaugen. Man macht schnellen Profit, und sobald es mit dem Leitungsnetz schwierig wird, schmeisst man die Sache hin. Wenn’s öffentlich ist, hat jeder Anspruch drauf, dann kann man sich nicht einfach zurückziehen. Man entwickelt mit der Zeit, wie schon gesagt, auch Herzblut. Das ist doch etwas Eigenes, für das die vorhergehenden Generationen jahrelang arbeiten mussten, um es zu erstellen und zu erhalten, und zwar ein Stück härter als wir heute. Die Verzinsung frisst alles Geld weg, was dann zur Erhaltung fehlt.
Ich sehe bei einer Privatisierung der Wasserversorgung ein riesiges Problem auf uns zukommen, denn dann werden nur noch jene versorgt, die zahlen können, und wo das grosse Geld fliesst. Wir versorgen auch abgelegenere Gebiete mit Wasser. Hier kann die Gemeinde quersubventionieren. Auf dem Land ist die Infrastruktur natürlich teurer. Da müssen die Zentren mithelfen, die dezentrale Besiedlung zu erhalten. Gerade in der Schweiz ist das ein Bestandteil der Verfassung, damit die abgelegenen Gebiete sich nicht entvölkern und verganden. Ich denke, das Privatisieren birgt grosse Gefahren.

Es ist sehr interessant, Ihnen zuzuhören. Sie sollten Ihre Erfahrungen unbedingt an die Jugend weitergeben, denn es braucht Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren. Vielen Dank für das Gespräch. 


Quelle: Zeit-Fragen Nr. 25

Originalartikel veröffentlicht am 22.6.2009

Über den Autor

Zeit-Fragen ist ein Partner von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.

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RAUCHENDE GEHIRNE: 06/07/2009

 
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