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15/01/2021
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"Die Gefolgsleute der Bande ausräuchern

Die Prosa und die Politik


AUTOR:  Alfonso SASTRE

Übersetzt von  Isolda Bohler, lektoriert von Fausto Giudice


Ist es wahr, dass Sie etwas so Klares wie: Hier gibt es einen ernsten politischen Konflikt, der nur in politischen Begriffen gelöst werden kann, nicht sehen?

 Eine dringliche Einleitung. Kaum dass dieser Artikel beendet ist, geschah das letzte Attentat von ETA – dieses Mal tödlich –und die rituellen Antworten von PSOE und PP. All dies scheint wieder einmal den Teufelskreis zu schließen und zu bestätigen, dass der Friede in diesem Land definitiv unmöglich ist. In solch einer zweifellos beängstigenden Situation kann ich nicht umhin, hartnäckig meine Hoffnung und meinen Wunsch  aufrechtzuerhalten, auf die Gedanken zu verweisen, die ich in meinen fünf Artikeln, die in dieser Zeitung (vom 23. September bis zum 18. Oktober 2008) unter der Überschrift „Wenn du den Frieden willst, bereite den Frieden vor“ veröffentlicht wurden, ausdrückte. 

In dieser Situation betrachte ich das dem heutigen Artikel zugrundeliegende Denken, sowie die in ihm ausgedrückten schweren Befürchtungen, als ebenso bestätigt. Unter solchen Umständen erscheint alles stärker – bis hin zu niederwerfend – als das Denken, aber die klaren Ideen haben auch ihre eigene Stärke. Auf diese Überzeugung setze ich meine Hoffnung.

Alicia Stürtze warf das Thema über die niemals ernsthaft analysierte (zumindest soweit ich es weiß) Beziehung zwischen der Politik und der Prosa als literarischer Ausdruck sehr gut auf, einem Thema über das ich auf  bescheidene Weise etwas in irgendeinem meiner Artikel in der Zeitschrift „Artez“ sagte.

Über das Thema Prosa kann man meine Gedanken folgendermaßen zusammenfassen, entgegen der burlesken Haltung Molières: Ich schätze, dass wir im Alltagsleben nicht in Prosa sprechen. Und warum nicht? Nun, das ist einfach, weil wir uns in der Sprache unseres Alltagslebens nicht um die notwendige Sorgfalt bemühen – im Allgemeinen, weil die Bedingungen nicht dafür gegeben sind –, gut zu sprechen, d.h. in Prosa zu sprechen, da die Prosa eine erarbeitete, künstlerische, poetische (was nicht metaphorisch bedeutet) Form der alltäglichen Sprache ist. (Unsere Freunde verziehen nicht das Gesicht, wenn sie mit Verachtung ausrufen: „Na so etwas, semantische Fragen!“, wie man es tatsächlich im Leben sagt, um gewissen Fragen Wichtigkeit zu nehmen. Unsere Freunde wissen, dass „semantische Fragen“ sehr wichtig sind, wenn es sich um etwas so Ernsthaftes dreht, wie die Kommunikation unter uns, d.h. die Barrieren unserer Einsamkeit niederzureißen. Wenn wir nicht damit anfangen, uns über die Bedeutung, die wir unseren verwendeten Worten geben, zu einigen, werden unsere Versuche, uns zu verstehen, umsonst sein.)

Die alltäglichen Sprechweisen –  noch keine eigentlich gesprochene Prosa  – sind inkorrekte Sprachen, aber nicht unbedingt verlogene, und etwas Analoges, aber umgedreht, geschieht mit der Prosa, die wenigstens eine „korrekte“ Sprechweise oder Schreibweise ist, und darüber hinaus oftmals etwas Mehr (setzen wir beispielsweise „brillant“ ein), wenn es eine „gute Prosa“ ist, aber sie kann, und ist es so viele Male, ein Vehikel für die Lüge, eine Art des Betrugs an denjenigen, an die sie sich richtet, sein. Auf diesen Prosatyp bezieht sich Alicia Stürtze im ersten Teil ihres exzellenten Artikels.

Die Prosa ist schon eine Kunst des Sprechens und des Schreibens mit ihren Regeln (und, klar, ihren Freiheiten) und diese Kunst kann in den Dienst der ethisch und politisch am wenigsten vorzuzeigenden Sache gestellt werden, aber sie kann auch, und vor allem sollte sie es immer, im Dienst der Wahrheit und der Schönheit stehen, was nicht die (Schönheit) ist, wie es schon seit ewig zurückliegenden Zeiten die Philosophie weiß, sondern „der helle Schein der Wahrheit“.

Gibt es nun eine Prosa, die als Prosa gut und auf der ethischen Ebene der Politik schlecht ist? Unserer Meinung nach ist die gute Prosa jene, die, außer der Erhebung der vulgären Sprache auf die Domäne der Kunst (der Poesie), sich nicht nur nicht dieser „Erhebung“ bedient, um die Wahrheit fern zu halten oder sogar zu verbergen – mit der Entstellung des Realen beginnend - , sondern die sich dieser Erhebung bedient, um die Wirklichkeit zu vertiefen und in ihr die Wege der Wahrheit und als Folge die der Gerechtigkeit zu bereiten.

Unter uns sollten wir in guter Prosa sprechen und niemals – klar! – unsere Ausdrücke (Alicia Stürtze sagt es sehr gut) auf Sätze wie diesen „was für eine Scheiße!“ reduzieren, die uns nicht erschließt, wenn wir den Kontext nicht herauszubekommen versuchen, ob das Ereignete fabelhaft ist oder im Gegenteil: schrecklich. Sprechen wir korrekt; das als Anfang.

Aber wir sollten nicht nur richtig, sondern außerdem „gut“ sprechen (sagen wir es so): Das heißt in einer Prosa, die fähig ist, die Gedanken über die anhängige Gerechtigkeit und die Einforderung unserer individuellen und sozialen Freiheiten zu stützen und zu verbreiten. Kurz wir sollten die politische Prosa im Dienste der Lüge und der Unterdrückung ablehnen. Wir wissen, dass die Lüge auch eine Kunst ist – eine der „Schönen Künste“, wie es das Verbrechen für den ironischen und genialen Thomas De Quincey war – , und dass es so eine Kunst zu lügen gibt, in der die Politiker sehr erfahren sind, die an der Macht des Kapitalismus kleben, der sich durch und für das System mit seinen eigenen Metaphern und aller Arten von „Schönheiten“ (Zierrat von seinem Müll) entwickelt.

Unsere Prosa verdreht nicht die Realität, um die Wahrheit zu verbergen, wie es die „Prosa des Feindes“ macht, sondern wir finden unsere Wahrheiten im Herzen der Realitäten selbst, die in unserer Welt erfolgen, aufdeckend was wirklich geschieht (die „Realität der Wahrheit“), und die uns von allen Medien im Dienst der Verlängerung dieser Schrecken verborgen wird, die wir Tag für Tag durchleben. Die unsere ist genau der Ort, an dem die Poesie, die Ethik und die Politik (revolutionär) vorkommen und sich brüderlich die Hand geben.

Im Übrigen, „die Schlacht der Ideen“ drückt sich in einem Krieg der Prosadichtungen aus, die, so wie sie heute in Lateinamerika unter dem Ansehen von großen führenden Persönlichkeiten wie Fidel Castro und Hugo Chávez, die Alicia Stürtze sehr zu recht zitiert, praktiziert wird, einen Ursprung in Martí haben und es ist die ideologische Wechselseitigkeit, oder besser die philosophische, von einer Schlacht der Prosadichtungen oder eher, diese sind der literarische Ausdruck von dieser dialektischen Schlacht, die das Denken ist. Nun gut, unter dem so reichlich großen literarischen Ruhm der lateinamerikanischen Prosa bin ich davon überzeugt, dass sich an einem der am meisten herausragenden Orte die „Zweite Erklärung von La Habana“ von Fidel Castro befindet. Auch Chávez ist ein großer lateinamerikanischer Prosaist der Gerechtigkeit und der Wahrheit, der sich in einer sehr brillanten Sprache ausdrückt, die diejenigen gerne für sich in Anspruch nehmen würden, die ihn von oben herab als „Populisten“ bezeichnen.

Um zu unserem Kontinent zurückzukehren müssen wir sagen, dass Europa eines der kulturellen Räume ist, wo sich heute die größten Perversionen und der Gebrauch von Lügen in der Prosa einfinden – einer Prosa im Dienst der Lüge – auf den politischen, ethischen und ideologischen Gebieten und dies offenbart eine sehr arme kulturelle Grundlage, die manchmal das Analphabetentum und andere Male direkt die moralische Schande streift, wie es jetzt im Fall eines  Leiters der PP geschah, Iturgaiz, (über den mir Leute, die ihn als Jungen kannten, sagten, dass er unter seinen Nachbarn als „der Dorftrottel“ galt), der in einer übel riechenden, einer Defäkation gleichenden Prosa seinen Wunsch ausgedrückt hat, dass die Tausenden von Personen, die wir Iniciativa Internacionalista – La Solidaridad entre los Pueblos bei den Wahlen für das Europäische Parlament wählten, „ausgeräuchert“ werden sollten. In seinen dreckigen Worten wähnt man eine miserable historische Sehnsucht nach den Gaskammern der Nazis. Was für eine Barbarei! Und ist diese Drohung, dass ein gut Teil der Bevölkerung, die auf dem Territorium des spanischen Staates leben, und die genau den Frieden und eine Verhandlungslösung als einzigen Weg, der zu ihm führt, verteidigen, in eine riesige Kammer eingesperrt werden sollte, und dass man den Hahn eines tödlichen Gases aufdreht, nicht von Amts wegen zu verfolgen?

Was würde jetzt über uns gesagt werden, wenn jemand von unserer Seite in einem schlechten Augenblick eine ähnliche Barbarei auf Herrn Iturgaiz und seine Glaubensgenossen bezogen sagen würde? Wie hätten sie uns zu gewalttätigen und gefährlichen Mördern und Todespredigern gemacht?

Aber, um auf den Kern der Frage zu kommen und mich jetzt an die PSOE wendend, einer Partei, bei der mir gefallen würde, zu sehen, dass sie wenigstens einen Teil ihrer verlorenen Ehre wieder erlangte; ist es wahr – ist es sogar möglich - , dass Sie nicht sehen, dass das Problem nicht ist, dass es eine kleine Bande (aber außerdem riesig) (!) von Mördern mit langen Eckzähnen und gierig nach Blut gibt, die, wie Sie und ihre Freunde sagen, nur zu töten wissen und wünschen? Ist es denn wahr, dass Sie nicht etwas so Sichtbares sehen, wie dies: dass es hier einen ernsten politischen Konflikt gibt, der nur in politischen Begriffen zu lösen ist? Ist es schließlich wahr, dass  Sie noch nicht merkten, dass die Lösung dieses Konfliktes, der so viel Schmerzen verursacht, in der Möglichkeit von Verhandlungen liegt? Auf welche „überzeugenderen“ Mittel beziehen Sie sich, Herr López? Werden Sie den Gas bildenden Ideen von diesem armen Typen der PP, den ich zuvor zitierte, folgen?

Wenn es so ist, um Himmels willen, denn uns würden Zeiten mit viel Schmerzen erwarten und drohen, anstatt des Friedens, der niemals erreicht werden wird, offensichtlich, wenn Sie sich dafür entscheiden, einen großen oder kleinen Teil von uns in diesen neuen, von dieser Figur Iturgaiz inspirierten, Gaskammern zu töten. Dann, wir Unglücklichen, aber auch Sie!

Anhang – Die Zitate:

«Iturgaiz cree que Iniciativa ha dejado con el culo al aire al Constitucional y pide fumigar a los acólitos de la banda». 

„Iturgaiz glaubt, dass Iniciativa das Verfassungsgericht in der Patsche sitzen ließ und fordert die Gefolgsleute der Bande auszuräuchern“. («El Correo Digital», 25. Mai).

Patxi López: «Desde luego, tenemos que ser, desde la política, mucho más contundentes a la hora de intentar que no haya ni un solo espacio público para los que no asumen las herramientas de la democracia» (?). «Desgraciadamente, ese mundo del abertzalismo radical sigue teniendo su fuerza».

Patxi López: „Natürlich müssen wir von der Politik aus viel überzeugender sein, wenn wir versuchen, dass es keinen einzigen öffentlichen Raum für diejenigen gibt, die nicht die Werkzeuge der Demokratie akzeptieren“.

„Leider hat diese Welt des radikalen Abertzalismus [linker baskischer Nationalismus, AdL] weiterhin seine Stärke“. (GARA, 11. Juni 2009).

 

Kampagne zur Unterstützung von Alfonso Sastre 

Ich bin auch Sastre

Wie vorauszusehen, greifen die institutionelle Rechte und ihre Kommunikationsmedien erneut Alfonso Sastre und II-SP an. Die Verleumdungen des Innenministers, der groteske Versuch der Illegalisierung durch des Oberste Gericht, die Hetze der Medien vor den Wahlen, der Wahlbetrug genügten nicht... Für die Erben des Franquismus und die politischen Söhne der GAL ist die reale Abweichung von der offiziellen politischen Meinung etwas, das um jeden Preis, mit allen legalen und illegalen, legitimen und illegitimen Mitteln auszulöschen ist. Auch wenn sie sich dadurch lächerlich machen, verfallen sie in diese größte Gefahr, wie alle, die ihre vom Geld und der brutalen Gewalt gestützte Macht missbrauchen. Auch auf die Gefahr der größten Lächerlichkeit hin nennen sie Alfonso Sastres einen „matón“ (Schläger, Killer), weil er uns an etwas Eindeutiges erinnert, etwas, das die Regierung besser als sonst jemand weiß: Es gibt nur einen Weg, um mit ETA Schluss zu machen und dieser Weg läuft über die Veränderung der objektiven Bedingungen, die das Hervortreten neuer Mitglieder fördern. Auch wenn morgen alle Etarras festgenommen werden würden, könnte innerhalb von einigen Monaten ein neues Kommando bereit sein, um die Gewaltspirale zu verlängern.

Ist es eine Drohung, etwas so Offensichtliches zu sagen? Wie es scheint, ja. Es scheint, dass die uralte Gewohnheit von den neurotischen Tyrannen im „demokratischen Spanien“ weiterhin gültig ist und den Boten umzubringen, eine gewisse Erleichterung unter denjenigen produziert, die mit den Eingeweiden denken.

.Aber dieses Mal haben sie ihre Kräfte nicht bemessen. Alfonso Sastre ist zu groß für sie, ist zu hoch für sie und denjenigen, die ihren dreckigen Geifer gegen ihn schleudern, wird es wie denen ergehen, die in den Himmel spucken, und danach fällt es ihnen ins Gesicht. Wir sind viele –und nicht alle „Radikale“, wie es der Macht gefällt, uns zu nennen –, die wir in Sastre einen unerläßlichen Bezug auf Klarheit, Wert und Würde sehen, ein Beispiel, dem sowohl intellektuell als auch ethisch zu folgen ist. Wir sind viele, die wie Sastre eine friedliche und durch Verhandlungsgespräche geführte Lösung für den sogenannten „baskischen Konflikt“ fordern; was natürlich die Beendigung der Attentate voraussetzt, aber auch die Beendigung der Folter (nachdrücklich von der UNO, Amnesty International und mehr als vierzig Organisationen des ganzen spanischen Staates angeklagt), der maßlosen Repression und des sogenannten „schmutzigen Kriegs“, der nichts anderes ist, als ein anderer Name für Staatsterrorismus. Wir sind viele, die angesichts des erneuten Versuchs der Kriminalisierung der Intelligenz, die ein Millán Astray mit Inbrunst angeführt hätte, sagen werden – schon sagen – „Ich bin auch Sastre“.

Liste der Unterzeichnenden

 


Quelle: Gara-La prosa y la política

Originalartikel veröffentlicht am 21.6.2009

Über den Autor

Isolda Bohler und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8122&lg=de


RAUCHENDE GEHIRNE: 10/07/2009

 
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