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15/01/2021
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Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum thematischen Dialog über Schutzverantwortung, New York, 23.Juli 2009

Ungleichmäßige Entwicklung ist die Wurzel vieler Verbrechen


AUTOR:  Ngugi WA THIONG'O

Übersetzt von  Einar Schlereth. Lektoriert von Fausto Giudice


Das Wort Schutzverantwortung (Responsibility to Protect )  ruft in meinem Gedächtnis schmerzliche Erinnerungen wach an das Fehlen von Schutz für viele Menschen, die durch ethnische Säuberungen in Kenia Anfang dieses Jahres starben. Diese Vorgänge ethnischer Säuberung folgten bezweifelten Ergebnissen der Präsidentschaftswahlen. Der Charakter dieser schrecklichen Ereignisse wurde in der Geschichte eines Kindes erfasst, das vor den Flammen einer in Brand gesetzten Kirche floh, wo es mit seinen Eltern Zuflucht gesucht hatte, das dann eingefangen und zurück in die Flammen geworfen wurde. Selbst in Kriegszeiten hat es in den vorkolonialen Zeiten unter benachbarten Gesellschaften immer Regeln zum Schutz von Kindern und Frauen gegeben. In den Fragen, die von Überlebenden gestellt wurden, kamen Schockiertheit und Unverständnis zum Ausdruck: Sie waren unsere  Nachbarn; unsere Kinder spielten zusammen; wie konnten sie uns so etwas antun? Die Voraussetzungen für Vergeltungsakte ethnischer Säuberung waren geschaffen und die neue Welle von Opfern waren mit den ursprünglichen Tätern nur durch ihre Volkszugehörigkeit verbunden. Gewöhnliche arbeitende Menschen, oft vereint durch ihre Armut, wurden aufeinander gehetzt von einer politischen Elite der Mittelklasse, die von der Sicherheit ihrer Paläste und Cocktail Parties in den Städten via TV Anleitungen für die Greuel gaben. Ich fühlte mich gelähmt durch Hilflosigkeit, die für all die Menschen im Land tausendmal intensiver gewesen sein muss, insbesondere da der Staat zeitweise nicht in der Lage schien, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Weit weg in Kalifornien konnte ich als Antwort auf einen Anruf der BBC mir nur die Vereinten Nationen als einzige Institution vorstellen, die eingreifen und Untersuchungen anstellen könnten und hoffentlich jene, die den Krieg der Armen gegen Arme angezettelt hatten, zur Verantwortung ziehen könnten. Wie sich herausstellte, war es den Anstrengungen der UNO durch Kofi Annan als Abgesandten zu verdanken, dass die Flammen gelöscht und ein unsicherer Frieden hergestellt wurde, der das Blutvergießen beendete.

Gleichwohl wusste ich, dass das, was in meinem geliebten Kenia geschah, bereits in Ruanda, Bosnien, Irak aufgeführt worden war, was mich an Shakespeares Julius Caesar erinnerte, wo die Mörder nach dem Bad im Blut ihrer Opfer fragen, wie oft unsere Taten in noch ungeborenen Nationen und Staaten wiederholt werden würden.

Ja, wie viele Male! Ich persönlich begrüße den eindrucksvollen Bericht des Generalsekretärs zur Durchsetzung der Schutzverantwortung als Ergebnis der durchdachten Erklärung des Weltgipfels von 2005. Er könnte eine ausgezeichnete Grundlage für eine Antwort auf jene Frage Shakespeares sein. Denn selbst noch ein einziges Mal, wo immer in der Welt, wäre einmal zu viel. Wir müssen die Menschheit von den Geißeln des Genozids, der Kriegsverbrechen, der ethnischen Säuberung und Verbrechen gegen ihr wahres menschliches Wesen befreien. Das Ideal erfordert seine Umsetzung.

Jedoch liegt der Teufel im Detail der Umsetzung in Form der Definition, der Geschichte und der zeitgenössischen globalen Situation. Begriffe wie die Internationale Gemeinschaft sind oft genug zu eng gefasst worden, dass es klang, als ob der Westen der Wächter wäre, der bestimmt, wer in diese Gemeinschaft zugelassen und wer ausgeschlossen wird. Die Betonung auf den Vereinten Nationen ist das Richtige; aber es sollte festgehalten werden, dass der Deckmantel der Vereinten Nationen, insbesondere die Absegnung des Sicherheitsrates, manchmal dazu benutzt wurden, um Invasionen zu legitimieren und Regime zu stürzen, die der Westen als untragbar beurteilt. In Afrika wurde Patrice Lumumba ermordet, während die Streitkräfte der Vereinten Nationen, die er gerufen hatte, wegschauten. Europa ist im Sicherheitsrat unverhältnismäßig repräsentiert; und dieser eine Kontinent, Afrika, hat gar kein Vetorecht.

Ein Maß an Demut ist von allen Nationen, groß oder klein, gefordert, und die Haltung Ich bin heiliger als du ist auch nicht angebracht, denn die Geschichte der Moderne berichtet eine viel verzwicktere Story. Die schlimmsten Fälle von Genozid und mutwilligen Massakern an anderen Völkern sind von Europa ausgegangen. Der Hitlerismus war keine Ausnahme in der europäischen Geschichte der Beziehungen zu anderen Völkern. Jede Kolonialmacht ist in der Vergangenheit an Verbrechen gegen die Menschlichkeit teilhaftig gewesen. Sklavenhandel und Plantagen-Sklaverei springen in die Augen.


Massaker in Wounded Knee Creek, 29. Dezember 1890

Afrika, Amerika und Australien können Geschichten erzählen von einheimischen Bevölkerungen, die von Europa vernichtet oder vertrieben wurden. Der Historiker David Stannard hat vom Amerikanischen Holocaust gesprochen hinsichtlich des Schicksals einheimischer Völker. In meinem eigenen Land Kenia haben die Briten in ihrem Krieg gegen die Mau-Mau Widerstandsbewegung tausende Menschen in Konzentrationslager und -dörfer gesteckt; und es muss festgehalten werden, dass unter der britischen Kolonialherrschaft die Kenianer politische Organisationen nur auf ethnischer Basis bilden konnten, ausgenommen die letzten drei Jahre vor der Unabhängigkeit. Es geht nicht darum, auf der Vergangenheit zu beharren. Aber die Vergangenheit hat Lehren für alle von uns.

Das Dokument ruft ganz richtig zu einer rechtzeitigen und entscheidenden Antwort auf. Das Gespenst von Ruanda wird noch lange unsere Erinnerung heimsuchen. Aber weitsichtige Präventivmaßnahmen, die Interventionen eindeutig überflüssig machen würden, müssten ein integraler Bestandteil der Umsetzung sein. In dem Anhang wird in dem Dokument nochmals von frühzeitigen Warnungen und Beurteilung gesprochen. Eine dieser frühzeitigen Warnungen liegt direkt vor unseren Augen: sie liegt in der ökonomischen Welt, die wir heute haben.

Es gibt zwei größere Trennungen oder Bruchlinien in der heutigen Welt. Eine dieser Trennungen ist die zwischen einer Minderheit von sehr reichen Nationen und einer Mehrheit von sehr armen Nationen. Der Riss zwischen ihnen in Hinsicht auf Reichtum und Macht wird täglich grösser und tiefer. Die Ironie ist, dass diese Minorität von Nationen neunzig Prozent aller Rohstoffe der armen Nationen konsumiert. Die armen Nationen geben letzten Endes den reichen Nationen Hilfe. Dieses Muster wiederholt sich häufig auch innerhalb von Nationen, wo einige Regionen reicher als andere sind innerhalb einunddesselben Territoriums. Erdöl wird vielleicht in einer Region eines Landes entdeckt, aber die Vorteile kommen nicht den Bewohnern der Region zugute, wo das Öl gefunden wurde. Dieselbe Geschichte auf der globalen Ebene, wo die Rohstoffe der armen Nationen am Ende anderen zum Vorteil gelangen. Dies ist die vertikale Trennung zwischen Nationen in der Welt und zwischen Regionen in einem Land.

Aber innerhalb aller Nationen (und selbst Regionen) gibt es noch eine Trennung zwischen einer Minderheit von Reichen und einer Mehrheit von Habenichtsen. Die Bettler und die Obdachlosen vermehren sich in den großen Städten der Welt ungeheuer. Der dritte im Bunde, der Gefangene, wahrscheinlich der am schnellsten wachsende demographische Faktor in allen Nationen, wird häufig unserem Blick entzogen. Manche Nationen haben über eine Million Menschen in Gefängnissen, mehr als die Bevölkerung von einer ganzen Anzahl von UN-Mitgliedstaaten. Und da gibt es viele Nationen innerhalb von vielen Nationen, die wir nicht sehen. Diese beiden Trennungen von Reichtum und Macht – zwischen Nationen und Regionen und innerhalb von Nationen und Regionen – sind die strukturelle Basis der Instabilität in der heutigen Welt und vieler der Verbrechen, von denen wir heute reden.

Wenn wir nach weitsichtigen Lösungen suchen, die Interventionen unnötig machen würden, so scheint mir, sollten wir auch jene Auffassung von Entwicklung in Frage stellen, die die mittleren und höheren Klassen ins Auge fasst. Die Mittelklasse macht nicht eine Nation aus. Sondern das Volk, die arbeitenden Menschen. Was Obama Entwicklung von Grund auf nennt, so scheint mir, sollte das Ziel aller Nationen sein. Entwicklung sollte nicht mit dem Gesichtspunkt jener gemessen werden, die auf dem Gipfel des Berges stehen, sondern mit jenem derer, die ganz unten stehen. Erst wenn wir die großen Trennungen zwischen Nationen/Regionen und innerhalb der Nationen/Regionen schließen, können wir beginnen, die strukturelle Basis der Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzupacken. Die von Menschen gemachte Armut ist auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Deshalb denke ich, dass die globale Gemeinschaft durch die gestärkten und demokratischen Vereinten Nationen und ihre Organe die strukturelle, ungleiche Entwicklung als integralen Teil der Durchsetzung der Schutzverantwortung ansehen sollte.


Quelle: Uneven Development Is the Root of Many Crimes -http://www.un.org/ga/president/63/interactive/protect/ngugi.pdf   und http://mrzine.monthlyreview.org/ngugi040809.html 

Originalartikel veröffentlicht am 23.7.2009

Über den Autor

Einar Schlereth und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Lektor als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8387&lg=de

 


RAUCHENDE GEHIRNE: 20/08/2009

 
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