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15/01/2021
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"I will mohr": Rechtsruck wegen eines Kuchens


AUTOR:  Vladislav MARJANOVIĆ


Wieder ein rassistischer Ausfall

Während meiner Abwesenheit ist in Afrika vieles passiert. In Madagaskar sind Verhandlungen zwischen der Übergangsregierung und dem gestürzten Präsidenten Marc Ravalomanana endgültig gescheitert; in Südafrika herrschen soziale Spannungen; in Sudan hat der Internationale Gerichtshof sein Urteil um das strittige Gebiet um die Stadt Abyei zwischen dem Nord- und Süd-Sudan ausgesprochen (eher zu Gunsten des Nordens), US-Präsident Barack Obama hat Ghana besucht, in der Republik Kongo und in Guinea Bissau fanden Wahlen statt … Viel Neues ist geschehen - und dabei ist alles beim Alten geblieben. Dennoch, auf eine Nachricht wurde ich aufmerksam: auf Seite vier der Gratis-Zeitung „Heute“ vom 24. Juli 2009 fand ich einen Artikel mit dem Titel: „I will mohr-Plakate: Afrikaner protestiert!“ Also, wieder ein rassistischer Ausfall in Österreich. Weswegen?

Wegen eines Kuchens! Eines sehr guten übrigens, der aber einen seltsamen Namen trägt: „Mohr im Hemd“. Na und? Niemand hat dabei einen Grund gefunden, um sich deshalb aufzuregen. Der Begriff „Mohr“ ist aus der Umgangssprache längst verschwunden und nur diejenigen, die sich mit Sprache etwas besser auskennen, wissen, dass es sich um eine „schwarze Angelegenheit“ handelt, denn „Mohr“, was als „Schwarz“ interpretiert wird, kommt laut Wikipédia vielleicht sogar aus dem phönizischen Wort „Mahurim“ was merkwürdigerweise „Mann des Westens“ bedeutet. Tatsächlich ist der Kuchen dunkel, weil er mit einer warmen Schokoladensauce zubereitet und mit Schlagobers, weiß wie das Hemd eines Beamten vom anno dazumal, serviert wird. Doch wer denkt beim Namen eines Kuchens an den politischen Hintergrund? Der Kuchen schmeckt gut und das reicht.

Nicht aber für Simon Inou von „MMedia“,Verein zur Förderung interkultureller Medienarbeit. Ihm zufolge handelt es sich dabei um einen Skandal, denn, „auch wenn der Begriff („Mohr im Hemd“) ganz unbewusst benutzt wurde – er gilt heute nicht zuletzt wegen seiner kolonialen Geschichte als rassistisch. Der Ausdruck „im Hemd“ bezieht sich auf die vermeintliche „Nacktheit von Afrikanern“. Ende des Zitats aus der Gratis-Zeitung „Heute“ vom 24. Juli 2009.

Die Argumente von Simon Inou sollen berücksichtigt werden. Er selbst ist Afrikaner, hat lange Zeit für die berühmte kameruner oppositionelle Zeitung „Le Messager“ gearbeitet und weiß bestimmt wovon er redet. Leider er hat bei seiner Äußerung keine Quelle angeführt, um seine Behauptung zu untermauern. Ich habe deshalb das Wochenende damit verbracht, zu versuchen via Internet über die Entstehung des Kuchens näheres zu erfahren, vor allem über seinen angeblich rassistischen Hintergrund. Bisher bin ich aber erfolglos geblieben. Das verwirrt mich allerdings. Wenn ich nächstes Mal ein „Mohr im Hemd“ zu essen bekomme, werde ich mich dann nicht nur als Rassist, sondern sogar als Menschenfresser fühlen. Denn wer wurde als „Mohr“ bezeichnet? Der Afrikaner und zwar in einer Zeit als dieser Begriff noch nicht mit dem Wort „Neger“ ersetzt worden war. Schlimmer noch, ich werde zum Kannibalismus aufgefordert. Die Firma „Eskimo“ reklamiert ihre neue Eiskreation als: „I will mohr“. Das ist aber nicht alles: Auf dem inkriminierten Werbeplakat kann man sogar lesen: „Neu. Cremissimo à la Mohr im Hemd“. Für Simon Inou ist das ein „echter Skandal“. Daher fordert er die Firma „Eskimo“ auf, die Kampagne einzustellen und sich öffentlich zu entschuldigen. Bei dieser Aufforderung wird es bestimmt nicht bleiben, weil, wie FM4 noch am 20. Juli angekündigt hat, die Black Community überlegt, weitere Schritte zu unternehmen.

Die Firma „Eskimo“ hat dennoch Glück, weil in Österreich keine Inuit Community sich gemeldet hat um gegen die Bezeichnung „Eskimo“ ihre Stimme zu erheben. Diese Bezeichnung wird bei den Inuit nämlich gar nicht gutgeheißen, weil der Name in einer Sprache der kanadischen Indianer (pardon, „native Americans“) „Rohfleischfresser“ bedeutet. Die Black Community hätte auch dagegen protestieren können, aber sie scheint vorerst nur auf eine bestimmte Hautfarbe fixiert zu sein.

Der Feldzug gegen die Vergangenheit

Man muss dafür Verständnis haben. Es darf nicht vergessen werden, dass keine menschliche Gruppe wegen ihrer Hautfarbe so diskriminiert, unterdrückt, abgewertet und erniedrigt wurde wie Schwarzafrikaner. Obwohl ihr Leidensweg noch andauert, ist zumindest die Zeit des Sklavenhandels und des Kolonialismus beendet. Doch wie es oft in der Geschichte passiert, haben sich einige Relikte aus dieser Zeit eingebürgert. Sie werden Teil des gemeinsamen Erbes der Menschheit. Manche Begriffe werden geändert, andere aus dem Gebrauch verbannt, aber es wird nie möglich sein, alle Ungerechtigkeiten aus der Vergangenheit durch bloße Umbenennung wieder gut zu machen. Die Empörung über die Bezeichnung "Neger" ist so groß geworden, daß die Black Commmunity sie nur mit einem schüchternen "N*" auszusprechen wagt, dabei gleichzeitig noch mit den Händen auf die Anführungszeichen weist und das Tabu so der ganzen kulturemanzipatorischen Bewegung "Négritude" anheftet. Die großen Vertreter dieser Bewegung wie Aimé Césaire, Leopold Sédar Senghor oder Cheikh Anta Diop bezeichneten sich selbst und alle Schwarzafrikaner als „Nègre“. Dieses Wort in ihren Werken zu streichen bzw. zensurieren, oder ihre Bewegung zum Beispiel in „Africanitude“ zu ändern, käme einem Anschlag auf den Geist einer historischen Epoche gleich.


Alain Arnouil, La négritude

Mit der Bezeichnung „Mohr“ ist es ähnlich. Würde man anders vorgehen, dann soll man auch den Namen des afrikanischen Inselstaates Mauritius ändern. Den Namen von Mauretanien ebenfalls. Von jenem Tatarstans gar nicht zu reden, den der Name Tatar kommt von „Tartarus“, vulgo „Hölle“. Und was soll mit allen anderen Werken der klassischen Literatur oder der Musik wo die Bezeichnung „Mohr“ bzw. „Mauro“ wie im Shakespeares Drama „Otello“ oder in der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart sowie in vielen anderen Werken der Literatur, Musik, Malerei stets auftauchen, geschehen? Noch dazu haben zahlreiche Städte im West, Mittel- und Südeuropa Mohrenköpfe als Wappen. Jene der Insel Korsika ist das bekannteste. Sogar der Papst Benedikt XVI hat sie auf seinen Wappen darstellen lassen. Soll man diese Symbole, im Namen der historischen Gerechtigkeit, einem neuen Bildsturm aussetzen?

  

Das alte Wappen Korsikas wurde vom Selbständigkeitsheld Pascal Paoli geändert, indem er die Augenbinde über die Augen zog und die Ohrringe wegnahm. Beide waren, meinte er, Symbole des Sklaventums, von dem er die Korsikaner befreit hatte.


 

Sardische Flagge 
Die offizielle Flagge Sardiniens


Doch nicht nur Afrikaner sind von diesen historischen bzw. kulturhistorischen Relikten betroffen. Viele Symbole (auch religiöse), sogar Namen von ganzen Völkern sind durch die Verhältnisse in der Vergangenheit bezeichnet. Um gerecht zu werden, soll man dann auch den Namen der Slawen abschaffen, weil das an „Sklaven“ erinnert; den Slawen soll verboten sein, die Deutschen als „Niemcy“ zu bezeichnen, weil das „stumm“ bedeutet oder Germans, weil es sich dabei um die Bezeichnung für den Feind handelt. Aus Respekt für den Islam soll man alle Statuen, wo die Jungfrau Maria auf die Mondsichel steigt, entfernen, Kipferl aus dem Verkehr ziehen und sogar den katholischen Kirchen verbieten um Mittag zu läuten, weil damit an den Sieg der Ungarn über die Osmanen bei Belgrad 1456 erinnert wird. Man könnte unzählige solche Beispiele aufführen.

Gefahr vom Missverständnis

Doch wie viele Menschen kennen solche Hintergründe? Nur wenige Fachleute und einige dafür Interessierte. Für alle anderen haben diese Hintergründe keine Bedeutung. Niemand denkt an den rassistischen Ursprung eines „Mohren“ im Meinl-Wappen oder an die seit langem vergessenen Figur des Schokogetränks „Banania“, die vor dem Zweiten Weltkrieg den jungen Leopold Sedar Senghor so ärgerte, als er sie in Frankreich auf Werbeplakaten sah. Natürlich hatten Europäer viele Vorurteile gegen Menschen anderer Hautfarbe aus Übersee. Die schwarze Farbe ist bei den Europäern ein Zeichen für etwas Negatives, ja sogar Böses. Das Lied „Wer hat Angst vom schwarzen Mann“ drückt diese Ängste deutlich aus. Andererseits haben Europäer auch eine Neugier dem Fremden gegenüber. Sie wollten auch mit ihnen in Verkehr kommen. Man darf nicht vergessen, dass trotz des negativen Bildes, das in den Medien der früheren Zeiten über die Überseevölker verbreitet wurde, nur eine dünne Schicht an Sklavenhandel oder Kolonisierung beteiligt wurde. Bei den anderen, der Mehrheit, entwickelte sich sogar ein Gefühl der Sympathie für diese unbekannten, so anders aussehenden Fremden. Die lächelnde Figur der „Banania“, der babyartige Mohr auf dem Wappen der Firma „Meinl“ hatten solche Gefühle erzeugt. „Mohr“ ist im deutschsprachigen Raum auch als Familiennamen vorhanden. Es ist aber nicht bekannt, dass es zu Massenänderung dieses Namens gekommen war, weil er eine negative, ja sogar rassistische Konnotation hat. Nicht einmal Karl Marx hatte Einwände gegen seinen Spitznamen gehabt und dieser lautete „Mohr“.


Spitzname: "Mohr"

In Anbetracht diesen Tatsachen muss man sich fragen, ob die jetzt von der Black Community gegen den Namen eines Kuchens gestartete Kampagne sinnvoll ist. Vielleicht wird ein Gericht ihr Recht geben. Doch was wird damit erreicht, abgesehen von  einer Namensänderung? Es ist zu fürchten: gar nichts. Schlimmer noch, sie werden dadurch keinesfalls die von ihr so gesehnte Brücke zu der einheimischen (österreichischen) Bevölkerung bauen können. Statt Vertrauen drohen sie Misstrauen, statt Verständnis Missverständnis, statt Annäherung Entfremdung zu ernten, denn solche Aufforderungen können leicht als Arroganz von Neuankömmlingen aufgefasst werden. So wird ein Kuchen die schon vorhandene Kluft zwischen der Community und der Einheimischen vertiefen und deshalb die in Österreich vorhandene afrikanische Diaspora in die Isolation führen.

Kontraproduktiv ist in diesem Fall nicht nur die Haltung gegenüber einem Kuchen, sondern auch gegenüber der Gesellschaft überhaupt. Der emotionsbeladene Diskurs über die Vergangenheit blockiert die rationelle Wahrnehmung der Gegenwart und die kritische Auseinandersetzung mit ihr. Durch Fixierung auf die Vergangenheit entsteht auch die Tendenz, sich aus der gesellschaftlichen Umgebung abzukoppeln. Man stellt sich über den anderen, man konzentriert sich nur auf einen einzigen Aspekt des sozialen Kampfes und zwar jeden, mit dem man sich als Kollektiv identifizieren kann. Das kann die Nation, die Religion oder die Hautfarbe sein, und wenn man solche Werte in den Vordergrund schiebt, dann rutscht man, ohne es zu wollen, in eine einzige Richtung. Nach Rechts.

Figuren, die mahnen

Glücklicherweise gibt es aber auch einen anderen Weg. Es ist der Weg des gemeinsamen Einsatzes, nicht für eine Hautfarbe oder einen Kontinent, sondern für die menschliche Gesellschaft im Allgemeinen. Hier könnte die Black Commmunity viel mehr tun, als sie sich überhaupt vorstellen kann. Ihr Kontinent, Afrika, ist jener der am meisten durch den neoliberalen Kasinokapitalismus zu leiden hatte. Afrika ist der Vorbote für das, was in einer nicht so fernen Zukunft Menschen aus allen anderen Kontinenten betreffen wird. Sich dem entgegen zu setzen, und zwar zusammen mit Gleichgesinnten aus Österreich, aus Europa, ja aus der ganzen Welt, mit ihnen gemeinsam gegen die Spekulation, Ausbeutung, Ausplünderung von Rohstoffen, Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit, Privatisierung, sozialen Abbau zu kämpfen - das wird eine Solidarität bilden, bei der die Hautfarbe keine Rolle mehr spielen wird. Ein gemeinsamer Einsatz für eine humanitäre Sache ist das beste Mittel auch für die Überwindung des Leidens aus der Vergangenheit. In diesem Fall werden die Relikte ihre mahnende Funktion finden.

Doch gerade das verursacht Grauen bei neoliberalen Establishments. Sie haben kein Interesse, die Bildung einer kompakten sozialen Front jenseits der nationalen, kulturellen, religiösen oder rassischen Eigenschaften zuzulassen. Wenn es aber um Communities geht, die sich vor allem für die Bewahrung ihrer kollektiven Identität einsetzen, dann werden diese im Namen ihrer Integrationspolitik unterstützt. Zwar nicht zu stark, aber gerade so viel, damit sich diese Gemeinschaften über Wasser halten können. Hie und da wird über einige ihrer Aktivitäten berichtet, ab und zu werden einige Preise für Integrationsbemühungen vergeben. Gelegentlich werden Versprechungen von der Notwendigkeit gemacht, ihre Vertreter in allen politischen oder Verwaltungsgremien miteinzubeziehen und sogar ein gewisses Maß an Kritik gegen Diskriminierung aus diesen Gemeinschaften zu dulden. Integration oblige. In der Zeit der Globalisierung soll man zumindest die Integration von Ausländern dulden, auch von jenen, deren Hautfarbe nicht weiß ist, vorausgesetzt, dass diese Integration in den Gremien des Establishments und nicht gegen das Establishment erfolgt. Die Figuren des Mohren aus dem Wappen von Meinl oder aus der Reklame für „Banania“ stehen auch dafür, zu zeigen wie man aussehen wird, wenn die Black Community sich darauf beschränkt, sich in sich selbst zu verschließen und sich höchstens damit zu beschäftigen, einigen ihrer Mitglieder bei ihrem Aufstieg auf den höheren Posten des bestehenden Establishments zu verhelfen.


Quelle: der Autor auf Radio Afrika International, Wien. Dieser Artikel drückt ausschließlich die Meinung des Autors aus.

Originalartikel veröffentlicht am 27.7.2009

Über den Autor

Vladislav Marjanović ist ein assoziierter Autor von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor , als auch die Quelle genannt werden.

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RAUCHENDE GEHIRNE: 24/08/2009

 
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