HOME TLAXCALA
das Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt
TLAXCALAS MANIFEST  WER SIND WIR ?  FREUNDE VON TLAXCALA  SUCHEN 

SÜDLICH DER GRENZE (Lateinamerika und Karibik)
IMPERIUM (Globale Fragen)
KANAAN (Palästina, Israel)
UMMA (arabische Welt, Islam)
IM BAUCH DES WALFISCHES (Aktivismus in den imperialistischen Metropolen)
FRIEDEN UND KRIEG (USA, EU, NATO)
MUTTER AFRIKA (afrikanischer Kontinent, indischer Ozean)

TAIFUNZONE (Asien, Pacifik)
KALVELLIDO MIT K (Tagebuch eines Prolos)
RAUCHENDE GEHIRNE (Kultur, Kommunikation)
DIE NICHT EINZUORDNENDEN 
DIE TLAXCALTEKISCHEN CHRONIKEN 
DIE TLAXCALA KARTEI (Glossare, Lexika, Karten)
BIBLIOTHEK DER AUTOREN 
GALERIE 
TLAXCALAS ARCHIV 

20/01/2021
Español Français English Deutsch Português Italiano Català
عربي Svenska فارسی Ελληνικά русски TAMAZIGHT OTHER LANGUAGES
 
Der erste Wortkrieg

Die Bedeutung zurückerobern - Palestine Think Tank und Tlaxcala erklären den Krieg gegen die Desinformation


AUTOR:  Mary RIZZO

Übersetzt von  Einar Schlereth. Lektoriert von Fausto Giudice


Es gibt eine Reihe von Wörtern, die als emotionale Auslöser und mentale Scheuklappen benutzt werden. Sie dienen dem Zweck, den Verstand in eine bestimmte Richtung zu lenken, wo seine kritischen Fähigkeiten zeitweise außer Kraft gesetzt werden, damit die Terminologie selbst lebendig bleibt und sogar eine emotionale Antwort vom Hörer erhält, doch dessen damit verbundenen Assoziationen ganz oder teilweise verändert sind von dem, der die Botschaft übermittelt. Es gibt viele Begriffe und kurze Sätze, die in unseren Lexika stehen und die zu dem Zweck benutzt worden sind, um unsere Meinungen zu beeinflussen und auf die Weise unsere ”moralische” Unterstützung für gewisse politische oder ideologische Ziele zu erhalten, offensichtlich mit der Absicht im Hinterkopf,  unsere implizite oder explizite Übereinstimmung zu gewinnen, da das Diktat der ”Demokratie” den Konsens erfordert.

Die Benutzung linguistischer Instrumente der Überredung gilt insbesondere in den entwickeltsten Bereichen von Psyops (von Regierungen eingesetzte psychologische Operationen, vor allem in Krisen- oder Kriegszeiten), aber sie wird auch in der elementaren journalistischen Kommunikation benutzt und wird somit Teil des ”öffentlichen Diskurses”. Da die Sprache ein Instrument ist, das wir alle benutzen, ist seine Kodifizierung wesentlich, damit es nicht notwendig wird, alle Begriffe zu definieren, und damit die Kommunikation von Ideen vereinfacht wird. Aber es gibt auch Kodifizierungen, deren Aufgabe es ist, diese Begriffe in Waffen und praktische Propagandamittel zu verwandeln. Die Erfahrung lehrt uns, daß die israelische Hasbara (”Propaganda Plus”, ein Begriff, den ein Psychologen-Freund geprägt hat) auf vielen Ebenen organisiert ist, um Konsensus zu schaffen durch ständige Wiederholung eines bestimmten Vorurteils, das als ”Israel zuerst und an erster Stelle” definiert werden kann. Und dies geschieht durch die Benutzung der Rhetorik und Sprache.


Big Brother, von Abbé Nozal (Tlaxcala)

Diese Sprache ist so gründlich in das zeitgenössische westliche Denken eingebettet, daß Orwells Wahrheitsministerium nichts weniger zu sein scheint, als eine Vorhersage von dem, was das Hasbara-Ministerium (und alle seine mehr oder weniger formellen oder offiziellen Ableger in der Welt) an einem Tage erledigt. Wenn man die Abendnachrichten ansieht, zuckt man kaum mehr mit der Wimper, wenn man Handlungen beobachtet, die gegen Zivilisten begangen werden, die unter militärischer Besatzung leben – Kriegsverbrechen in jeder Hinsicht – die berichtet werden, als wären sie legitime und notwendige Akte wenn nicht gar geradezu humanitäre Handlungen. Und diese Grausamkeiten werden als Schritte in Richtung Frieden und Koexistenz verbreitet, wobei das Element des menschlichen Leidens total ausgeblendet oder verneint wird. Doch, wenn das Opfer ein Westländer ist oder ”demselben demokratischen Lager” angehört, wird der entgegengesetzte Mechanismus ausgelöst, und wir sollen moralische Empörung spüren. Wir, die wir die Kunden der westlichen Medien sind, werden löffelweise mit bestimmten Informationen gefüttert, die moralisch abstoßend wären, wären die Rollen umgekehrt, und wir statt der Täter die Opfer wären. Jene, die ihre Berichte abfassen und zusammenstellen, geben den Leben jener, die ihnen zugehörig sind, einen wesentlich höheren Wert, und sie verstärken dieses Vorurteil und verwandeln es in normatives Denken. Wenn ein westlicher Soldat fällt, wird er als Held behandelt, egal wo er zu jener Zeit war oder was er getan hat. Dasselbe gilt für Israelis, die Land besetzen, das von der nicht-jüdischen Bevölkerung gesäubert wurde. Wann immer das Angriffsziel irgendeiner gewalttätigen Aktion gezeigt wird, verhält sich ihr moralisches Format proportional dazu, wie gut sie zu unserem  eigenen Bild von uns paßt. Wenn die Opfer zu den offiziellen ”Bösen” gehören, dann erwartet man geradezu von uns, Erleichterung zu verspüren und ein erhebendes Gefühl von Patriotismus, das uns die Botschaft vermittelt, daß  ”das Gute tatsächlich siegreich ist”. In ähnlicher Weise wird von uns erwartet, jene ”anzufeuern” die in Sderot leben, die behandelt werden, als ob deren Bedrängnis, nervöse Katzen und ”Widerstand” unsere vorrangige Beachtung verdienten. Während des gegen Gaza geführten Krieges beklagte sich eine Teenagergruppe, daß sie sich in  ihren Schulen, Häusern und  Bombenkellern eingeschlossen fühlten, und dem wurde in unseren Medien ebensoviel Raum und Ernst gewidmet wie den palästinensischen Eltern, die um die Zerstörung ihrer Häuser und die Ermordung ihrer Kinder durch israelische Soldaten und Waffen trauern. In jeder anderen Hinsicht wäre es absurd, irgendeine Art von Vergleich zwischen diesen beiden Ebenen des Leidens herzustellen, aber von uns wird erwartet, über diese Art der Berichterstattung nicht mit der Wimper zu zucken.

Auf genau dieselbe Weise wird von uns erwartet, daß wir die israelischen Rechtfertigungen akzeptieren über deren Status  als ”der moralischsten Armee der Welt”, egal was die Fotos, die aus dem Inferno von Gaza zu uns dringen, zeigen. Mit den Worten von Israels Premierminister direkt nach dem öffentlichen Aufschrei: ”Als eine moralische Armee ohnegleichen sorgte die IDF dafür, in Übereinstimmung mit dem internationalen Recht zu handeln und tat ihr Möglichstes, Schaden an Zivilisten zu verhindern, die nicht am Kampf beteiligt waren, einschließlich ihres Eigentums, und zu diesem Zweck wurden unter anderem viele Flugblätter verteilt, wurden die örtlichen Medien und das örtliche Telefonnetz benutzt, um rechtzeitig allgemeine und detaillierte Warnungen an die zivile Bevölkerung zu verbreiten. Die IDF sorgte auch dafür, während des Kampfes die humanitären Bedürfnisse der zivilen Bevölkerung zu befriedigen.”

Was auf dieser Pressekonferenz verschwiegen wird, abgesehen von der Wertung, eine moralische Armee ohnegleichen zu sein, ist die Boshaftigkeit des Inhalts dieser ”humanitären” Flugblätter und die ”Verwendung” der lokalen Medien und Telefonnetze. Die Flugblätter warnten die Menschen vor der Absicht der baldigen Zerstörung, wenn die Leute (gefangen wie sie waren) nicht einfach ”verschwänden”. Dies zeigt die vorgefaßte Absicht, Schaden zu verursachen und die Warnung vor Tod und Zerstörung von Eigentum, das Zivilisten gehörte. Was die Benutzung der Telefone angeht, so wurde in einem Artikel, der in USA Today veröffentlicht wurde, berichtet, daß die Palästinenser Anrufe über sowohl Handys als auch Festtelefone erhielten, in denen sie gewarnt wurden, daß ihr Haus im Begriff stand, bombardiert zu werden. Die Anrufe konnten nicht identifiziert oder blockiert werden, da sie über internationale Server kamen. Die israelischen Behörden behaupteten, das wäre ein Service für die Palästinenser (offensichtlich bevor der eigentliche Service geliefert wurde), doch der interviewte militärische Sprecher Major Jacob Dallal weigerte sich zu diskutieren, wie das israelische Militär an Handy-Nummern in Gaza gelangt sei.

Die ”Benutzung” der lokalen Medien bestand darin, daß die IDF sich sowohl in das Al Aqsa Fernsehen hackte als auch in die örtlichen Radiostationen, einschließlich jener der Hamas, der PFLP und des Islamic Jihad. Laut Berichten von Kamal Abu Nasser hat die IDF sich in die laufenden Sendungen von Voice of Jerusalem stündlich eingeklinkt und Botschaften gesendet, die die Hamas für alle Probleme in Gaza verantwortlich machten. Diese Behauptung wurde von vielen Gaza-Bewohnern bestätigt, die vom Radio für die Verbindung mit der Welt abhängig waren, und stattdessen mit Propaganda bombardiert wurden von denen, die Bomben auf ihre Köpfe warfen.

Die detaillierten Warnungen und Behauptungen von humanitärer Hilfe konnten also einfach entlarvt werden. Die IDF erklärte nicht einmal den Ärzten, welche Art von Waffen benutzt wurden, und wie die sehr seltsamen Wunden behandelt werden könnten, die typisch für die Benutzung von DIME und weißem Phosphors waren. Wie jeder mittlerweile weiß, war der Gazastreifen zu Land, zu Wasser und zu Luft  von sowohl Israel als auch Ägypten abgeschnitten, wo die der Fatah unterstehenden  Sicherheitskräfte stationiert waren. Irgendeine Verlautbarung von Israel zu lesen, erfordert immer eine große Anstrengung. Die Wahrheit steckt drinnen, nur ist sie das Gegenteil von dem, was behauptet wird. Doch die Aussagen werden wortwörtlich genommen und erhalten sogar einen humanitären Wert.

Halten uns jene, die sie schreiben und verbreiten, für blind, taub und stumm? Oder sind wir all dies und mehr? Hat unsere Stellung auf dem Globus als privilegierte Wesen ”außerhalb der Achse des Bösen” die Möglichkeit beseitigt, uns so zu sehen, wie die anderen uns sehen könnten, und uns immun zu machen gegen die Versuchung, gründlich angeekelt zu sein von der Bedeutung, die wir uns verleihen und von der Mißachtung anderen gegenüber? Sind wir genau die gefühllosen Monster geworden, als die wir dastehen müssen oder ist unser Gehirn bis zu dem Grade indoktriniert und gewaschen worden, daß es uns verbietet, kritisch zu denken?

Da die Massenmedien nicht alles zensieren können und alles daran hindern können, ans Licht zu kommen, suchen jene, die sie kontrollieren, Schutz, indem sie kanonische Interpretationen liefern von Ereignissen, von denen sie erwarten, daß wir sie als ”Fakten” akzeptieren oder gar als ”Wahrheit”.  Wenn wir noch in der Lage sind zu sehen, dann ist es das Ziel der Hasbara zu verhindern, daß wir denken. Das ist es, weshalb diese Angstauslöser und Floskeln so praktisch sind. Sie machen die Arbeit für unsere Gehirne. Es ist für uns notwendig, uns ”informiert” zu fühlen, und nicht notwendig für uns (und in der Tat schädlich für sie), etwas auszuarbeiten und zu denken. Wenn wir erst einmal aufgehört haben zu denken, dann werden wir schweigen angesichts der Gewalt, die zur Unterdrückung der Schwachen angewendet wird.

Totalitäre Regime sind immer entweder von Ignoranz oder Furcht abhängig gewesen, ihnen bei ihrer Arbeit zu helfen, ihre Herrschaft über jene zu errichten, zu konsolidieren und aufrechtzuerhalten, die sonst gegen sie rebellieren würden. Das gleiche scheint für die heutigen ”Demokratien” zu gelten. Druck wird auf islamische Hilfsorganisationen ausgeübt, Gruppen, die sich gegen Besatzung wehren, werden als terroristische Bewegungen kategorisiert und diplomatische Beziehungen sind auch von dem Segen derer abhängig, die auf dem Geld hocken. Die Bedingungen sind derart, daß es verboten ist, politische Bewegungen und selbst Regierungen zu unterstützen, die dem zionistischen Staat gegenüber kritisch sind, als ob dies an sich ein Wertmaßstab für eine ganze Nation im globalen Spektrum sei. Kurz und gut, sebst Demokratien (nochmals zitiere ich meinen Psychologenfreund mit ”Dämonokratien”) üben umfassende Indoktrinierung aus, um ihren hegemonistischen Vorteil politisch, ökonomisch und sogar moralisch durchzusetzen. Sie benutzen die Medien sowohl zur Unterhaltung als auch zur Information, um ihr Modell eines guten Bürgers durch Gehirnwäsche und Verformung zu erzeugen, damit die Gesellschaft voll und ganz welche politischen Pläne auch immer unterstützt, die von der Regierung befürwortet werden. Die Auswirkungen dringen bis ganz hinunter, selbst bis zu unseren Kindern, von denen man verlangt, unkritisch die bis an die Zähne bewaffneten ”Friedenshelden” in Irak und Afghanistan Ehre zu bezeigen. Es sieht so aus, als ob Orwell am Ende Recht behalten hat.

Die leere Rhetorik zu bekämpfen, die Lügen eine nach der anderen auseinanderzunehmen und die Fähigkeit unseres kritischen Denkens zurückzuerobern ist nicht mehr ein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Um diesem Ideal der Bewußtseinsbildung zu dienen, haben Palestine Think Tank und Tlaxcala eine Serie von Essays lanciert, die viele dieser Begriffe und Phrasen untersuchen, eine nach der anderen, um ein alternatives Lexikon zu schaffen und ein genaueres Lesen der Worte, die uns gegenwärtig umgeben vor allem als propagandistische emotionale Auslöser. Wir bitten unsere Mitwirkenden, Mitglieder und Freunde, über diese Themen nachzudenken und zu schreiben, und wir laden auch unsere Leser ein, mit Essays zur Veröffentlichung, Übersetzung und Verbreitung beizutragen.

Welche Begriffe interessieren uns? Es gibt wirklich sehr viele, unter denen man wählen kann, die Wahl liegt also bei den Schreibern. Wir wollen auf keinen Fall die Essays auf einen für jedes Thema begrenzen, da jeder Autor vielleicht wünscht, seinen eigenen Gesichtspunkt oder seine Argumentation beizusteuern, um ein Thema zu behandeln, das bereits berührt wurde. Wir hoffen, daß diese internationale Anstrengung zum besseren Verständnis der Angelegenheit den der Welt beiträgt und zu einer größeren Bewußtsein, wie wir eine aktive Rolle spielen können und nicht nur die uns präsentierten falschen Definitionen zurückweisen können, sondern fähig sind, diese Begriffe mit Inhalt zu füllen und sie in ihren wahren Dimensionen begreifen zu lernen.


Um weitere Beiträge zum Ersten Wortkrieg zu lesen, bitte hier klicken

Der Erste Wortkrieg ist eine Initiative von Palestine Think Tank und Tlaxcala.

Die Autoren, die an diesem Ersten Wortkrieg teilnehmen möchten, können ihre Texte an
contact@palestinethinktank.com und  an tlaxcala@tlaxcala.es schicken



Quelle: Reclaiming Significance: Palestine Think Tank and Tlaxcala declare the First Word War

Originalartikel veröffentlicht am 2.10.2009

Über die Autorin

Mary Rizzo, Einar Schlereth und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autorin, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8869&lg=de


   


DIE TLAXCALA KARTEI: 05/10/2009

 
 SEITE DRUCKEN SEITE DRUCKEN 

 SEITE SENDEN SEITE SENDEN

 
ZURÜCK ZURÜCK  

 tlaxcala@tlaxcala.es

  7:44