HOME TLAXCALA
das Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt
TLAXCALAS MANIFEST  WER SIND WIR ?  FREUNDE VON TLAXCALA  SUCHEN 

SÜDLICH DER GRENZE (Lateinamerika und Karibik)
IMPERIUM (Globale Fragen)
KANAAN (Palästina, Israel)
UMMA (arabische Welt, Islam)
IM BAUCH DES WALFISCHES (Aktivismus in den imperialistischen Metropolen)
FRIEDEN UND KRIEG (USA, EU, NATO)
MUTTER AFRIKA (afrikanischer Kontinent, indischer Ozean)

TAIFUNZONE (Asien, Pacifik)
KALVELLIDO MIT K (Tagebuch eines Prolos)
RAUCHENDE GEHIRNE (Kultur, Kommunikation)
DIE NICHT EINZUORDNENDEN 
DIE TLAXCALTEKISCHEN CHRONIKEN 
DIE TLAXCALA KARTEI (Glossare, Lexika, Karten)
BIBLIOTHEK DER AUTOREN 
GALERIE 
TLAXCALAS ARCHIV 

20/01/2021
Español Français English Deutsch Português Italiano Català
عربي Svenska فارسی Ελληνικά русски TAMAZIGHT OTHER LANGUAGES
 
Der erste Wortkrieg

Wole Soyinka und die Milch der frommen Denkungsart


AUTOR:  Einar SCHLERETH


Wole Soyinka ist mir seit den 80er Jahren ein Begriff dank des schweizerischen Ammann Verlages, der 1986 ”Ake. Jahre der Kindheit”, 1987  ”Der Mann ist tot” u.a. herausgab. Außerdem las ich einige seiner Theaterstücke und Stellungnahmen, vor allem für Ken Saro-Wiwa, der dann doch von dem Diktator Sani Abacha abgeschlachtet wurde. Dadurch gewann ich von Wole Soyinka das Bild eines unglaublich gebildeten, großartigen Stilisten und mutigen Kämpfers  gegen die Geißel Nigerias – die Militär-Diktatoren.

Vor allem ”Ake” hat mich tief beeindruckt mit den Schilderungen seiner Eltern, die beide für die Unabhängigkeit Nigerias kämpften, vor allem seine Mutter, eine stolze und unabhängige Frau, und dem ganz anderen Umfeld, in dem W.S. aufgewachsen ist, ähnlich dem meinen zur gleichen Zeit, was die äußeren Bedingungen angeht, doch in meinem Fall unter faschistischen Vorzeichen.

Und nun las ich die Fortsetzung seiner Erinnerungen ”Brich auf in früher Dämmerung” (Ammann Verlag, Zürich 2008). Auch hier ist er der großartige Erzähler, als den ich ihn kenne. Doch hier lernte ich einen noch ganz anderen W.S. kennen. Einen Mann, der durch seine christliche Erziehung von Kindesbeinen an ”die Milch der frommen Denkungsart” gesaugt hat. Nicht, daß er ein Frömmler geworden wäre. Im Gegenteil, es gelang ihm, die Religion zumindest abzustreifen und ein Freigeist zu werden, der der Tradition der Aufklärung  und den großen humanistischen Denkern verpflichtet ist. Ich meine die Milch der westlichen mainstream media. Die Crux Afrikas – seine im Westen ausgebildeten Intellektuellen (von Schriftstellern bis hin zu allen hohen Militärs), die -fast - alle zu strammen Antikommunisten wurden, die pflichtschuldigst Hitler, Stalin, Saddam, Franco, Pol Pot in einen Topf warfen und das Heil in den westlichen Demokratien und ihren Leitfiguren suchen. Diese Intellektuellen, die sich nicht auf  die genuin afrikanischen demokratischen Traditionen besinnen, die sich nicht auf  das eigene Volk stützen, die im Gegenteil ängstlich darauf bedacht sind, es nicht zum Chaos, d.h. einer Revolution kommen zu lassen.

Hat W.S. nie von den 100 Kriegen der USA gegen die 3. Welt gehört, nie von der brutalen Ausplünderung der natürlichen Ressourcen bis hin zum Brain-Drain, nie von den schrecklichen Verbrechen der Zionisten gegen ihre arabischen Nachbarn und insbesondere gegen die Palästinenser? Hat etwa die Sowjetunion die 3. Welt überfallen und ausgeplündert oder Saddam oder Pol Pot? Ist nicht durch den Zusammenbruch der SU die Aus- und Erpressung der 3. Welt nochmals um einige Umdrehungen verschärft worden? Ist nicht der Strom der Waffen (gegen harte Valuta versteht sich) in die 3. Welt noch um ein Vielfaches gestiegen? Und ebenso die unverschämten Einmischungen in die inneren Angelegenheiten der Länder der 3. Welt?

Von all dem scheint W.S. nie etwas gehört zu haben. Obwohl er sein ganzes Leben lang gegen die Militärdiktaturen Nigerias kämpfte, wendet er sich wieder und wieder an die westlichen Mächte – Frankreich, England, USA – um Hilfe, just jene also, die hinter den Kulissen ihre Intrigen spinnen, die in erster Linie das Wohl  ihrer multinationalen Blutsauger-Corporations im Auge haben und für den kontinuierlichen Strom an Waffen sorgen. Das streift er höchstens oberflächlich ganz am Rande. Den Biafra-Krieg1, den er mit allen Mitteln zu verhindern suchte, beschreibt er eingehend mit vielen Einzelheiten über die internen Rangeleien der Politiker und Militärs, aber ohne die westlichen Machenschaften (vor allem Englands und der USA, ohne  das Frankreich von Foccart und – schon damals – von Kouchner zu vergessen) nur mit einem Wort zu erwähnen.

Und im Kampf gegen den brutalsten und widerlichsten Militärdiktator Sani Abacha wendet sich W.S. um Hilfe nicht nur an Frankreich, England, die USA und auch – wenn auch so gut wie vergeblich - an die afrikanischen Bruderländer – sondern sogar an Israel und insbesondere an den berüchtigten Mossad, der gerade dabei ist, ganz Afrika zu unterwühlen. Er reist nach Israel und singt das Hohelied der armen israelischen Juden um ihr Überleben und des Kriegsverbrechers Shimon Peres und seiner tiefen Menschlichkeit. Mit ihm verbrachte er sogar einen denkwürdigen Nachmittag und Abend mit ”einem warmen Glücksgefühl”.

Das ist eine unverzeihliche Handlung2, ein Verrat am Kampf der Völker der 3. Welt um ihre Befreiung, die Wole Soyinka in meinen Augen haben tief sinken lassen.

Fussnoten

1 - Der Biafra-Krieg oder Bürgerkrieg in Nigeria fand von Mai 1967 bis Januar 1970 statt. Er beginnt mit der Abspaltung Ost-Nigerias, der reichsten Region des Landes (mit 2/3 der Erdölreserven), das sich selbst zur Republik Biafra unter Führung von Oberst Odumegwu Emeka Ojukwu erklärt, unterstützt von Charles de Gaulle, Pierre Messmer* und Jacques Foccart. Mit seinen ein bis zwei Millionen Toten ist der Krieg in Biafra auf internationaler Ebene von den Medien breit behandelt worden. Die French Doctors, französische Ärzte (Bernard Kouchner u.a.) lancieren die NGO Médecin sans frontières, Ärzte ohne Grenzen, offiziell als Hilfe für die Flüchtlinge (die Blockade Biafras zu Lande und zu Wasser hat eine Hungersnot provoziert), aber eigentlich um eine heimliche Intervention französischer Söldner zu tarnen, an deren Spitze Bob Denard steht. Zu Beginn des Konfliktes besucht Wole Soyinka Biafra, um die Sezessionisten durch diese Geste einzuladen, eine friedliche Lösung zu finden. Nach seiner Rückkehr wird Soyinka von der Bundesregierung Nigerias verhaftet, des Hochverrats angeklagt und für 25 Monate eingekerkert; dort schrieb er auch die Gedichtsammlung A Shuttle in the Crypt (ursprünglicher Titel: Poems from Prison – Gedichte aus dem Gefängnis), die ein Echo seiner Erfahrungen sind.

*”Ich verzieh [der nigerianischer Regierung] nicht  ihre Haltung nach unseren Atombombenversuchen i Reggane [algerische Sahara]. Das erlaubte [die Unterstützung Biafras] uns, sie dafür zahlen zu lassen! Sie waren zur gleichen Zeit provozierend und lächerlich gewesen. Provozierend, weil sie versuchten, die afrikanischen Regierungen gegen die französischen Versuche aufzubringen. Und lächerlich, wenn sie sagten: ”Wir, Nigeria, werden die Atombombe haben.” Das sind Grotesken.. Ich habe es ihnen nicht verziehen.”
Pierre Messmer, damaliger Heeresminister, in ”Derrière la guerre du Biafra, la France” [Hinter dem Biafra-Krieg : Frankreich] in ”Histoire secrète de la Ve République (Hrsgb. Roger Faligot et Jean Guisnel) [Die geheime Geschichte der 5. Republik, La Découverte, 2006, 2007 (pp. 147-154)

2- die im übrigen nicht das Geringste eingebracht hat und auch nach dem plötzlichen Tod Abachas kaum etwas an der verzweifelten Lage Nigerias änderte.


Um weitere Beiträge zum Ersten Wortkrieg zu lesen, bitte hier klicken

Der Erste Wortkrieg ist eine Initiative von Palestine Think Tank und Tlaxcala.

Die Autoren, die an diesem Ersten Wortkrieg teilnehmen möchten, können ihre Texte an
contact@palestinethinktank.com und  an tlaxcala@tlaxcala.es schicken



Quelle: der Autor

Originalartikel veröffentlicht am 19.10.2009

Über den Autor

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9017&lg=de


DIE TLAXCALA KARTEI: 19/10/2009

 
 SEITE DRUCKEN SEITE DRUCKEN 

 SEITE SENDEN SEITE SENDEN

 
ZURÜCK ZURÜCK  

 tlaxcala@tlaxcala.es

  8:29