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18/01/2021
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„Wie schon Hrant Dink an klagte, ist der Diskurs der Diaspora über den armenischen Genozid eine „nationale Frage“, die sie dazu benutzen, ihren politischen Einfluss in den Aufnahmestaaten zu verstärken“

Wende in den armenisch-türkischen Beziehungen-Interview mit dem Journalisten Antonio Cuesta


AUTOR:  Salvador LÓPEZ ARNAL

Übersetzt von  Isolda Bohler. Lektoriert von Fausto Giudice


„Der Diskurs der armenischen Diaspora blockiert nicht nur den Dialog zwischen der Türkei und Armenien, sondern schadet der Integration der armenischen Minderheit in die türkische Gesellschaft“.

Am vergangenen Samstag [am 11.10.2009 in Zürich] taten die Türkei und Armenien einen historischen Schritt in Richtung darauf, ihre Jahrzehnte dauernde Konfrontation mit der Unterzeichnung von Übereinkünften zu lösen, die die Herstellung von  diplomatischen Beziehungen, die Öffnung der gemeinsamen Grenze und das Studium des so benannten „armenischen Genozids“ erlauben werden.

Antonio Cuesta ist Korrespondent der kubanischen Presseagentur  Prensa Latina in der Türkei und an Themen der Geschichte und des Journalismus interessiert. Er ist seit fast einem Jahrzehnt Mitarbeiter von Rebelion.org und seit 2004 für Prensa Latina zuerst in Tunesien und dann in Istanbul. Er ist auch der Autor von Büchern wie Negociación política en Euskal Herria: El camino hacia la paz” („Politische Verhandlungen in Euskal Herria: Der Weg zum Frieden“) (Hiru Verlag) und “
Guatemala, la utopía de la justicia”  („Guatemala, die Utopie der Gerechtigkeit“ ) (Libros Libres, Rebelion).

Man spricht gelegentlich über das am Anfang des Jahrhunderts gegen die christliche armenische Minderheit Geschehene als von dem ersten Genozid im XX. Jahrhundert. Kannst du kurz erklären, was geschah?

Das in der Türkei, vor allem ab April 1915, Geschehene war ein ausgedehntes Programm zur ethnischen Säuberung, hauptsächlich gegen die christliche, armenische Minderheit, das von Mitgliedern des Komitees für Einheit und Fortschritt (Ýttihat ve Terakki Cemiyeti, ÝTC), der Regierungspartei organisiert und durchgeführt wurde, die dafür irreguläre Einheiten und paramilitärische Gruppen benutzten. Als Folge, und trotzdem, dass die Zahl nie mit Genauigkeit bekannt wurde, starben aufgrund des Gemetzels zwischen 700 und 900 Tausend Menschen und auch wegen der sehr harten Bedingungen, den Krankheiten und dem Hunger, unter denen sie in die Wüste Syriens deportiert wurden.

Du sprichst von der Regierungspartei im Osmanischen Reich, nicht? Wer bildete die ÝTC? Welche Ideologie hatte diese Organisation?

Die ÝTC stammte als politische Organisation von der sogenannten Bewegung der „Jungen Türken“ und sie stärkte sich durch zahlreiche Offiziere der Armee. Diese Strömung war zu Beginn des XX. Jahrhunderts die einflussreichste im Osmanischen Reich und sie gündete sich hauptsächlich auf das positivistische Denken von Comte. Ihre Ideologie wollte sowohl die Modernisierung der Staatsstrukturen als auch die Erhaltung der Figur des Sultans, sowie bestimmter muslimischer, der Türkei eigenen Traditionen. Und all dies unter dem Namen einer konstitutionellen Monarchie, als Versuch das in diesen Jahren in Europa antreibende Modell der liberal-bürgerlichen Demokratie zu imitieren. Sie waren die Begründer des türkischen Nationalismus, der bis zu diesem Augenblick nicht existierte.

Und wer bildete diese paramilitärischen Gruppen, von denen du sprichst?

Im Sommer 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde die so benannte Spezialorganisation geschaffen, in die paramilitärische Einheiten integriert waren. Dieser Freiwilligenkörper hing schließlich vom Zentralkomitee der ÝTC  ab und wurde hauptsächlich von kurdischen Stämmen, überführten Gefangenen und Immigranten aus dem Kaukasus und dem Balkan gebildet. Die Provinzverantwortlichen der ÝTC  formierten auch in verschiedenen Regionen des Landes neue Schwadrone.

  
1915

Was waren die Gründe für jene Massaker, jener „ethnischen Säuberung“?

Die ÝTC  ermunterte schon eine Zeitlang die Feindseligkeit gegen die nicht muslimischen Minderheiten als Plan für soziale Homogenisierung. Sie dachten, wenn sie diese loswürden, bremsten sie den Verfall und die Auflösung eines sich in Dekadenz befindenden Reichs. Was geschah, war, dass inmitten einer brutalen Offensive der alliierten Truppen sowohl im Westen, von den Dardanellen aus, als auch vom Osten, von der russischen Front, einige Führer der ÝTC  die Gelegenheit sahen, die „endgültige Lösung“ gegen die armenische Bevölkerung voranzutreiben.

Aber man muss auch beachten, dass die Armenier eine mächtige und einflussreiche Minderheit waren, und dass in vielen Fällen die Täter des Völkermords die Gelegenheit ausnutzten, um wirtschaftlichen Besitz von unschätzbarem Wert zu plündern  und sich anzueignen. James Petras erinnert uns daran, dass „die Desintegration von den Imperien Holocausts hervorruft“ und der armenische Fall ist ein sicheres Beispiel, in dem beim Versuch eine ökonomisch wichtige Gruppe auszulöschen, in großem Maßstab Massaker durchgeführt wurden.

Und warum, wie es scheint, hat der türkische Staat das Geschehen noch immer nicht anerkannt?

Nun, dies ist nicht ganz richtig. Im ersten Augenblick nach der Niederlage und der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Mudros (am 30. Oktober 1918) richtete die neue osmanische Regierung eine Untersuchungskommission ein und begann eine Reihe von Prozessen gegen die Verantwortlichen des Genozids. Auch die nationalistische (rebellische) Regierung von Ankara, von Mustafa Kemal angeführt, zeigte ihre Bereitschaft, die Kriminellen zu bestrafen. Beide Behörden gaben zu, dass „Verbrechen gegen die Menschheit“ begangen wurden und kritisierten die während des Ersten Weltkrieges begangenen Massaker. Sie begriffen sogar, dass die Prozesse politisch und gesellschaftlich notwendig waren.

Nur die alliierten Mächte entschieden – durch den Vertrag von Sèvres –, dass die Strafe für „die Türken“ die Teilung des osmanischen Raums und die Balkanisierung des Territoriums, mittels homogener ethnischer Einheiten, sein sollte. Es existieren zahlreiche Dokumente und Zeugnisse der Sieger, in denen das „türkische Volk“ als an den Ermordungen schuldig bezeichnet wird. Die Alliierten wollten niemals die Verantwortlichen aburteilen; tatsächlich wurden viele von ihnen auf der damaligen britischen Insel Malta zurückgehalten und später wurde ihnen ihr Entkommen erlaubt, trotz der dreimaligen formalen Bitte der Regierungen von Istanbul und Ankara um ihre Auslieferung.

Der Sieg der nationalistischen Truppen von Mustafa Kemal „Atatürk“ im Befreiungskrieg setzte jeder Art Regelung von Gerechtigkeit für die Opfer ein Ende. Seit diesem Augenblick, seit Gründung der modernen Republik Türkei, breitete sich ein Mantel des Schweigens aus und man förderte die Unkenntnis unter der Bevölkerung. Die Armee ist seit damals das Rückgrat der Republik, ein Staat am Rande der Gesellschaft, sogar in offener Opposition zu ihr, darstellend und eine Reihe von Dogmen aufstellend, die legale Maßnahmen gegen diejenigen, die ihnen die Stirn bieten, einschließen. Die Armee, Garant der Machtstruktur, führte schon zahlreiche Staatsstreiche durch, um Aufstände zu unterdrücken, die die Dogmen, auf die sich die Republik stützt, in Frage stellen und modifizieren könnten. Der Mantel der Ignoranz ist weiterhin ausgebreitet und es wird immer dringlicher, dass die Gesellschaft weiß, was in jenen Jahren des Krieges geschah. 

Du sagst, dass der Sieg der nationalistischen Truppen von Mustafa Kemal „Atatürk“ im Befreiungskrieg jeder gerechten Regelung für die Opfer ein Ende setzte, und dass sich seit der Gründung der modernen türkischen Republik ein Mantel des Vergessens ausbreitete und die Unwissenheit der Bürger gefördert wurde. Aber warum, führte nicht Atatürk einen Befreiungskrieg an? Warum weitete sich dieser Faden der Ignoranz aus, den du anklagst?

Tatsächlich wollte Atatürk einen neuen Staat schaffen und löschte dafür jede Spur der Verangenheit aus. Dieses einen Strich unter das Vergangene ziehen betraf alle Aspekte des Lebens, von der Kleidung, dem Kalender oder der Sprache, bis hin natürlich zum politischen und ökonomischen Modell. Dies hieß, sich von jeder Erinnerung oder jedem Klotz am Bein aus vergangenen Epochen zu trennen, einschließlich selbstverständlich der düsteren Seiten des vergangenen Regimes. Dies hat bis in unsere Tage funktioniert. Die Bürger der Türkei betrachten nicht nur die osmanische Epoche als etwas zeitlich weit zurückliegendes, sondern sie empfinden sie sogar als eine Realität, die nichts mit ihnen zu tun hat, als ob sie Tausende von Kilometern entfernt stattgefunden hätte, als ob sie sich von einer äußeren Herrscheft befreit und unabhängig erklärt hätten. Der türkische Akademiker Taner Akçam definiert die türkische Gesellschaft als ignorant, apathisch und schweigsam, nuanciert aber, dass dies aus ihrer tiefen Unkenntnis und Indifferenz gegenüber ihrer Vergangenheit kommt. Sie stützt sich nicht auf das Vergessen, denn um zu vergessen, muss man zuvor wissen.

Wenn ich nicht irre, hat die Linke im Allgemeinen wenig über die Geschehnisse gesprochen. Warum?

Die wirkliche Linke der Türkei ist mutig und engagiert. Erinnern wir uns an den tragisch ermordeten Journalisten armenischer Herkunft Hrant Dink. Dieser linke Intellektuelle wurde sowohl den Nationalisten der einen Seite wie auch denen der anderen unbequem und deshalb wurde er ermordet. Er glaubte an die Aussöhnung zwischen den Türken und den Armeniern genauso wie an die Notwendigkeit, mit der sozialen Ungerechtigkeit in beiden Ländern Schluss zu machen. Dink machte der armenischen Diaspora und Regierung Vorwürfe für ihre dauernde Kritik an der Türkei, während sie das Hauptproblem der Armenier übergingen, das nichts anderes als die Armut war. Dink war gegen den Druck der armenischen Lobby, um die Anerkennung des Genozids von den Regierungen (heutzutage um die zwanzig), oder den Erlass von Gesetzen wie dem französischen von 2006, in dem die Leugnung des armenischen Genozids als Straftat festgelegt ist, zu erreichen. Er beabsichtigte sogar in das europäische Land zu reisen, sobald das Gesetz in Kraft tritt, um es zu zerbrechen. Aber er hatte keine Gelegenheit.

Und jüngst initiierten eine Gruppe türkischer Intellektueller, Akademiker und Journalisten eine Kampagne, in der sie „ihre armenischen Brüder“ um Entschuldigung baten, wiesen gleichzeitig die Ungerechtigkeit zurück, die die Indifferenz und die Leugnung des von den armenischen Ottomanen 1915 erlittenen großen Unglücks bedeutete. Nach kaum einigen Stunden erhielt die Kampagne Tausende von Unterschriften über das Internet.

Aber, entschuldige, dass ich darauf beharre, ein linker Journalist wie Dink, mit den von ihm verteidigten Positionen, ist kaum in der westlichen, europäischen Linken bekannt.

Gut, dies passiert nicht nur mit der Position der türkischen Linken. Allgemein ist die Türkei eine große Unbekannte in Westeuropa.

Du hast vor einem Augenblick von der armenischen Lobby gesprochen. Wer gehört zu ihr? Wo sind sie am stärksten?

Die armenische Diaspora wird von mächtigen ökonomischen und in einigen Fällen, wie dem des Libanons, von religiösen Führern,  Pressure-Groups, angeführt. Dort, wo sie es schafften, größeren Einfluss zu besitzen – Frankreich, Argentinien, Brasilien, der Libanon –, sind ihre Postulate stärker zu hören und sie möchten sich zur „Stimme des armenischen Volkes“ erheben, obwohl natürlich die gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen und ich wage es, sogar die kulturellen zu sagen, wenig mit den in Armenien gelebten zu tun haben. Bedenke, dass die Mehrheit der Diaspora niemals weder in Armenien noch in der Türkei lebte.

Die armenischen Bürger, die es zu emigrieren schafften, blieben sie die ganzen langen Jahre politisch aktiv?

Seit Jahrhunderten hat die armenische Gemeinchaft auf der ganzen Welt wichtige kommerzielle und Denk- Zentren unterhalten. Von Indien über Persien bis Westeuropa übernahm die armenische Diaspora – genauso wie die Führung ihrer Kirche – immer die Rolle des Garanten der Werte ihrer Gemeinschaft ein. In den letzten 150 Jahren richtete sich die migratorische Strömung in Richtung USA und Südamerika, genauso wie nach 1915 eine wichtige Flüchtlingswelle nach Russland und in den Libanon. In den letzten Jahren konzentrierte sich die Diaspora darauf, eine mächtige Lobby zu schaffen. Wie Hrant Dink in Bezug auf den Diskurs über den Genozid klagte, wird dieser nicht in historischen Begriffen benutzt, sondern wird von der Diaspora mit doppelter Absicht abgeschirmt: Zum einen ist er eine „nationale „Frage“, die ihre Assimilation in die Länder, in denen sie sich befinden, verhindert; und zweitens dient er ihr dazu, ihren politischen Einfluss in den Aufnahmestaaten zu verstärken. Erschwerend kommt hinzu, dass solch ein Diskurs nicht nur den Dialog zwischen der Türkei und Armenien blockiert, sondern außerdem der Integration der armenischen Minderheit in die türkische Gesellschaft schadet.

Wie sollte dann deiner Meinung nach ein besonnener, vernünftiger Diskurs, die richtigen Absichten der armenischen Diaspora, aussehen?

Ich möchte es nicht sein, der dies definiert. Aber es wäre nicht schlecht, mit einer Arbeit anzufangen, die all die Mythen und Unwahrheiten abbaut, auf denen die imaginäre Welt des armenischen Volkes ruht. Die Überlegungen von Hrant Dink waren darin exemplarisch und auch die von einer Reihe von armenischen, rechtschaffenen Intellektuellen, die versuchen, eine andere Sicht auf die Geschichte zu werfen.

Armenien war Teil der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken. Wie geschah ihre Eingliederung? Wie war ihre Situation in der Zeit der Sowjetunion?

Das heutige Armenien entstand nach der Auflösung der Konföderation von Transkaukasien 1918 auf Gebieten des früheren russischen Imperiums. Aus ihm entstanden drei Republiken, die ihre Unabhängigkeit erklärten: Georgien, Armenien und Aserbaidschan. 1920 wurde Armenien von der Sowjetunion assimiliert und gehörte ihr als föderale Republik bis zur Auflösung der UdSSR an, als sie ihre Unabhängigkeit erklärte. In all diesen Jahren wurde Armenien zu eine der prosperierendsten Regionen der Union, in großen Maßen dank der dortigen Etablierung wichtiger Hochtechnologiefabriken.

Wie geschah nach dem Auseinanderfallen der UdSSR 1991 die Trennung von Armenien?

Die Trennung war nicht problematisch ab dem Moment, in dem die örtliche Bevölkerung ihren Wusch zum Ausdruck brachte, sich als unabhängiges Land zu konstituieren und die UdSSR wurde kurze Zeit darauf aufgelöst. Die größten Probleme kamen, als es die Enklave Nagorni-Karabach auf aserbaidschanischem Gebiet annektieren wollte. Drei Jahre Krieg, die den Niedergang der armenischen Wirtschaft und das Schließen ihrer Grenzen zu ihren türkischen und aserbaidschanischen Nachbarn hervorriefen.

Und wie sieht die aktuelle Politik Armeniens aus?

Armenien durchlebt eine sehr komplizierte ökonomische Situation. Es musste mit einer großen, fast vollständigen, Abhängigkeit von russischen Unternehmen  seine Isolation vermeiden. Sein einziger Weg  zur Versorgung mit russischen Produkten läuft durch Georgien, aber nach dem Krieg im letzten Jahr wurden die Dinge noch schwieriger. Außerdem konnte es beobachten, wie wichtige energetische Projekte der Region – die Erdölleitung Nabucco und BTC – und sogar die Bahnlinie sein Gebiet meiden, es ohne Anteil am Geschäft und an seiner Nutzung lassen. Zählen wir zu all dem noch den Druck der USA, der Europäischen Union  und sogar von Unternehmern hinzu, um die russische Handelsvorherrschaft in Armenien zu brechen, versteht man, dass der Präsident Serge Sargisián sich dazu gedrängt sah, in Richtung auf die Türkei zu schauen.

In der internationalen Presse wird dieser Tage von neuen Übereinkommen zwischen den Regierungen der Türkei und Armeniens gesprochen. Auf welchen Punkten basierend? Um was handelt es sich?

Am vergangenen Samstag normalisierten die Türkei und Armenien ihre diplomatischen Beziehungen zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Obwohl die Türkei einer der ersten Staaten war, die armenische Unabhängigkeit nach dem Fall der UdSSR 1991 anzuerkennen, stellte es niemals diplomatisch volle Beziehungen her, wegen der Invasion von Armenien in Nagorni-Karabach und in andere sieben zu Aserbaidschan, Alliierter von Ankara, gehörende Provinzen.

Aber das am Samstag Unterzeichnete, eine Reihe von Protokollen, die die Herstellung von Beziehungen, die Öffnung der gemeinsamen Grenze und die Einrichtung einer gemeinsamen Expertenkommission, die den sogenannten „armenischen Genozid“ untersucht, muss noch von den Parlamenten der jeweiligen Länder ratifiziert werden. Und es ist nicht mehr als der Beginn eines Weges voll von Schwierigkeiten, der hoffentlich, vielleicht nicht nur den Regierungen, sondern vor allem dem besseren Verständnis zwischen beiden Völkern zum Nutzen ist.


Gül und Sarkisian in Bursa am 14.10 vor einem türkisch-armenischen Fussballmatch für die  Weltmeisterschaft

Welche Positionen verteidigen die armenischen Bürger der Diaspora über diesen Punkt? Ich glaube, dass es auch eine starke interne Diskussion um diese türkisch-armenische Abkommen gibt?

Sowohl in der Diaspora als auch im Innern Armeniens gibt es eine starke nationalistische Opposition, die die Verträge kritisieren. Im Konkreten erhob sich die Diaspora zu einer Gegenmacht und zweifelt nicht daran, den Präsidenten Sarkisian zu kritisieren oder als Verräter zu bezeichnen. Aber sicher ist, dass diese Sektoren beginnen, die Geschichte als Werkzeug für ihre erzkonservativen Vorschläge neu zu schreiben und zu benutzen. Behauptungen wie, Gott habe Armenien auserwählt, um dort das Erdenparadies zu errichten und dessen Bevölkerung stamme von Noah ab, der seine Arche nach der universalen Sintflut auf dem Berg Ararat abstellte, werden in allen armenischen Grundschulen auf der ganzen Welt überliefert. Laut der Anklage des Akademikers Razmik Panossian werden viele westliche Akademiker armenischer Herkunft, die nicht die nationalistischen Thesen mittragen, von den Historikern und Intellektuellen Armeniens und auch von der Diaspora als „Verräter“ bezeichnet.

Du sprichst vom Präsidenten Sarkisian und ich leite nun daraus ab, dass dir seine Positionen auf diesem Bereich vernünftig erscheinen. Ist das so?

Ich verstehe, dass Sarkisian vor allem versucht, eine Position der Lebensfähigkeit für sein Land zu erreichen; eine Durchführbarkeit innerhalb der Parameter der kapitalistischen Weltwirtschaft. Aber konzentrieren wir uns auf die Frage der Wiederherstellung der Beziehungen mit der Türkei: die Aufhebung der Blockadefrage kann und sollte dazu dienen, Brücken für Treffen zwischen zwei Völkern zu spannen, die eine lange gemeinsame Vergangenheit haben, aber seit Jahrzehnten kalte Distanz, wenn nicht offene Feindschaft, halten.

Als letztes, um zu Ende zu kommen, du selbst sprachst von einem Weg voller Schwierigkeiten. Wie glaubst du, ist eine harmonische Situation, der Wiedergutmachung der Ungerechtigkeiten, der Überwindung, nicht dem Vergessen, des Geschehenen zu erreichen?

Ich vertraue dabei mehr auf die Fähigkeit und Intelligenz der Bewegungen und gesellschaftlichen Organisationen, als natürlich auf die Regierungen. Wie es fast immer geschieht, pflegen die Interessen von diesen zum Nachteil des Wohls für die ersten zu gehen. Ein erster, und nicht kleiner Schritt, wäre der, zu klären, dass die Position des türkischen Staates nichts mit der von „den Türken“ zu tun hat.

An erster Stelle, weil dieser Begriff eine übermäßige Vereinfachung ist, die  auch Kurden, Tscherkessen, Juden, Orthodoxe, Armenier, Alevien und viele andere ethnisch-kulturelle Gruppen, die der Begriff „Türken“ ignoriert und begräbt, einschließt. Und an zweiter Stelle, weil der Staat wie ein Körper neben der gesellschaftlichen Sphäre, der sich selbst als eine besondere Körperschaft sieht, errichtet wurde, und er sich fast in Opposition zu seinen Bürgern organisiert.

Danke, Antonio, vielen Dank für deine genau belegten Antworten.

 

Proteste gegen das türkisch-armenische Abkommen von Zürich

In Bursa, Türkei, 14.10.2009

In Eriwan, Armenien, 16.10.2009



Quelle: Nuevo giro en las relaciones Armenia-Turquía. Entrevista con el periodista Antonio Cuesta, corresponsal de Prensa Latina en Turquía  

Originalartikel veröffentlicht am 13.10.2009

Über den Autor

Isolda Bohler und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

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FRIEDEN UND KRIEG: 21/10/2009

 
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