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18/01/2021
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Fort Hood und PTBS

Wir sind alle Kriegsverbrecher


AUTOR:  Dahlia WASFI الداليا وصفي

Übersetzt von  Einar Schlereth


Unsere Nation erholt sich immer noch von der Schießerei vom 5. November 2009 in Fort Hood in Killeen, Texas. Wir warten darauf, daß nach solch einem schockierenden Ereignis wieder ein Gefühl der Normalität eintritt. So unglaublich es ist, daß so eine Tragödie geschehen kann, wo unsere Besetzungen bisher so gut verlaufen sind. Fragt nur die irakischen Menschen. Einen Moment, streicht das. Ok, fragt die afghanischen Leute. Vergiß es. Fragt die US-Veteranen. Oh, mein lieber Mann Wenn wir die Leute fragen, die den Horror leben, dann ist vielleicht das, was in Ft. Hood passierte, gar nicht so schockierend. Das eigentlich Überraschende ist, daß wir nicht mehr von dergleichen gesehen haben.

 

In den ersten zehn Monaten von 2009 haben sich zehn Soldaten in Ft. Hood selbst erschossen; dies war die zweithöchste Zahl im Land nach den sechzehn Selbstmorden in Ft. Campbell, Kentucky. Allein im Januar 2009 haben 24 Soldaten im ganzen Land Selbstmord begangen. ”Das ist erschreckend”, sagte ein Offizier. ”Wir wissen nicht, was da vor sich geht.” Nun, Herr x-beliebiger Offizier, lassen Sie mich Ihnen helfen. Wenn Sie illegale Befehle an Leute erteilen, loszuziehen, um in Übersee Greueltaten zu begehen (denn das ist das beste Wort, um das zu kennzeichnen, was in Irak und Afghanistan vor sich geht), und jene es unterlassen, die Befehle zu verweigern in Übereinstimmung mit dem Uniform Code of Military Justice (Einheitliches Gesetz der Militärgerichtsbarkeit), dann haben Sie am Ende Leute mit Problemen, mit PTBS (posttraumatische Belastungsstörung). Manche unter ihnen wenden ihr Trauma nach innen, selbstzerstörerisch und begehen Suizid. Manche wenden ihr Trauma nach außen und begehen Homizid. Ein Bericht  dokumentiert den Fall von PFC (Private first Class = Soldat nach 1 Jahr Dienst) Johnathon Klinker, 22, der zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er im Oktober 2006 seine 7 Wochen alte Tochter Nicolette ermordete. Ein anderer Bericht erzählt den Blutrausch dreier Irak-Veteranen in Ft. Carson, der zum Tod von einer 19-jährigen Schwester-Studentin führte, die sechs Messerstiche erhielt, nachdem das Trio sie mit ihrem Wagen im Oktober 2007 überfahren hatte. Und nun haben Sie Major Nidal Hasan, der möglicherweise Folgeerscheinungen einer PTBS hatte (von den Erniedrigungen durch seine Waffenbrüder wegen seiner Ethnizität und Religion ganz zu schweigen). DAS ist es, was vor sich geht; alles ist verknüpft mit unseren illegalen Besetzungen.

Wir hören jetzt Berichte, daß die Armee sich nicht um ihre Soldaten kümmert. Laut Vorwürfen von Klinik-Psychiater Dr. Kennan Manion – der glaubt, er sei wegen seiner Anklagen  entlassen worden – erhalten die Marinesoldaten in Camp Lejeune wenig Hilfe für ihre PTBS. Und in der Armee sei es nicht viel besser, laut Veteran-Feldwebel Chuck Luther, der nach 12 Jahren Dienst wegen ”Persönlichkeitsstörung” entlassen wurde, statt eine Diagnose zu erhalten und Unterstützung für seine PTBS zu bekommen. Ich möchte gerne dies hier wissen: WARUM SIND WIR ÜBERRASCHT? Wissen wir nicht, wie diese Geschichte endet mit einem Viertel Veteranen von allen Obdachlosen in Amerikas Straßen? Begreifen wir  nicht die Brutalität und Entmenschlichung – der Rekruten und der ”Feinde” (wer immer gerade in Mode ist) - die die Basis der Grundausbildung bilden? Glauben wir wirklich, daß das Militär und die Regierung eines Tages sich der bewaffneten Streitkräfte annehmen werden,wenn sie die nach Übersee geschickt haben, um für den Profit der großen Unternehmen zu sterben? Ich würde nicht das Wohlergehen meines Hundes in die Hände eines Drill-Feldwebels der Armee legen; und die Amerikaner händigen ihnen ihr Fleisch und Blut aus. Richtig, es gibt eine Rezession und Jobs sind Mangelware, aber das Militär macht weniger als ein Prozent der Bevölkerung aus. Es gibt eine Menge Leute, die ökonomische Schwierigheiten haben und sich dennoch nicht werben lassen. Wir leugnen schlicht die Tatsachen.

Aber die Leugnung ist nicht einfach eine bürgerliche Störung. Wie Luther auf seiner Webseite beschreibt, ”wurde (er) nach Taji (Irak) vom Oktober 2006 bis Juli 2007 geschickt. Feldwebel Luther litt unbewußt an PTBS, nachdem er in einer Kriegsumgebung gelebt hatte.” Er ”lebte” in einer Kriegsumgebung. Wie unschuldig das klingt. Schaut man genauer hin, so fährt Luther fort: ”Gewalt gebiert Gewalt. Ich wurde getrimmt, im Kampf als Kundschafter sehr gewalttätig zu sein … wir töteten und nahmen Iraker fest, bevor irgendwer sonst dazukam.” Bevor es irgendwelche Zeugen der Verbrechen gab. ”Was immer der Mensch säet, das wird er auch ernten.” Ja, jetzt leidet Luther. Und nur er und seine Kundschafterkameraden kennen das Elend und die Qual, die sie über wer weiß wie viele Familien gebracht haben, die uns nichts getan haben. Wenn du in das Haus eines anderen eindringst, dann ist es nicht ”Selbstverteidigung”, wenn man die Leute angreift, die dort wohnen. Es ist Angriff und Schläge. Es ist Terrorismus. Es ist Mord. Die Macht des Stolzes? Ich glaube nicht.

Und weil diese Verbrechen in unser aller Namen begangen werden, sind wir alle Kriegsverbrecher. Wir laden die Waffen; die Soldaten und Marinesoldaten tun unser dreckiges Handwerk. Am 5. November 2009  war im Ft. Hood eine Art ”Nimm deine Familie mit zur Arbeit”-Tag. Die Soldaten-Familien konnten aus der Nähe die Umgebung sehen, in denen ihre Lieben ihr Monatsgehalt verdienen. Wir alle bekamen einen kurzen Blick auf die Schrecknisse, die wir täglich bei den irakischen und afghanischen Familien besichtigen können.

Aber wir hatten Glück, denn es war nicht ganz dasselbe. Die Opfer wurden nicht vergewaltigt, bevor sie ermordet wurden; ihre Körper wurden nicht in Brand gesteckt, bevor sie ihren letzten Atemzug taten. Die Kinder der Opfer wurden nicht gefesselt, bevor ihre Väter verhaftet wurden, bevor sie erschossen wurden. Die Soldaten von Ft. Hood wurden nicht zu nackten Pyramiden gestapelt und zu Tode gefoltert, noch wurden ihre Familien in ihren Häusern durch Luftangriffe getötet. Das ist die Wirklichkeit der Besatzung, und niemand von uns ist ohne Blut an den Händen – Zivilist oder Militär. Amerikanische Soldaten und Marinesoldaten sind nicht schuldiger als der Rest von uns, aber sie sind verdammt noch mal nicht unschuldiger als wir. Wenn wir wollen, daß der Wahnsinn endet, dann müssen wir alle den Wahnsinn beeenden.


Quelle: Information Clearing House-We Are All War Criminals

Originalartikel veröffentlicht am 24.11.2009

Über den Autor

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autorin, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9390&lg=de


FRIEDEN UND KRIEG: 29/11/2009

 
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